Das fast normale Leben

Was ist schon normal?

Das möchte man sich im Hinblick auf den Filmtitel fragen. Für die pubertierenden Mädchen Lena, Leni, Eleyna, Lysann ist es normal, nicht in einer Familie mit Vater, Mutter und Geschwistern zu leben. Für sie ist es Alltag, Gewohnheit, Lebensumstand oder eben normal, in einer sozialen Einrichtung mit einer ganzen Anzahl von Betreuerinnen und Betreuern zu leben, weil ihnen die leiblichen Eltern ein Familiennest nicht bieten können, sei es weil sie sich getrennt haben oder weil sie überfordert sind, weil Gewalt in der Familie vorkommt.

Der Dokumentarist Stefan Sick gesellt sich als temporäres Mitglied, teils wohl auch mit Tonmann, zu dieser Gruppe. Er versteckt seine Anwesenheit gar nicht erst, macht also keinen auf Mäuschendoku, legt die Dokusituation, die in so einer kleinen Einheit nicht zu negieren ist, gleich offen. Eine der Protagonistinnen spricht ihn direkt an. Gelegentlich schauen ihn die Mädchen und betreuenden Personen auch an, mal wird er mit seinem Tonmann rausgeschickt oder ein Mädchen meint, dass sie das aber jetzt nicht in Anwesenheit der Kamera sagen könne.

Der Film fördert sensibel zu Tage, welche Konflikte in den Mädchen schlummern. Er zeigt aber auch, wie heutzutage vom betreuenden Personal hochprofesionell damit umgegangen wird mit Gesprächsrunden, mit Kikos, Elterngesprächen, aber auch mit Reittherapie oder wie gegen Ende zu sehen ist, kreativ mit einem Malkurs in wilder, abstrakter Malerei.

So können denn diese junge Frauen vermutlich besser über ihre Probleme reden, über ihre Befinlichkeiten, als viele ihrer Altersgenossen. Krisen schaffen Bewusstsein. Das Reden darüber kann sich positiv auf das Verhalten auswirken.

Am schönsten ist die Szene, in der Lena, das Mädchen, das im Laufe des Filmes die Konfirmation erlebt, als Hausaufgabenhilfe bei kleineren Kindern mitwirkt. Faszinierend, die Gespräche, die sich dort entwickeln und wie sie von sich erzählt.

Dann hat sich wieder das eine oder andere Mädchen nicht im Griff, tritt unentwegt an Türen oder will überall hinaufklettern, provoziert die Betreuenden im Extremfall so sehr, dass diese die Sanität anrufen.

Die Kinder träumen davon, wieder bei den Eltern oder bei einem Elternteil zu sein. Wenn es dann Realität wird, es geht um ‚Rückführung‘, dann ist zu spüren, dass auch in der Institution soziale Fäden gesponnen wurden, Freundschaften entstanden sind; als ob die Konflikte und die Trennungsthematik nie enden wollten.

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