Silent Friend

Kinderhirn oder Erwachsenenhirn?

Nach dem mehr dekorativen denn wisschaftlichen Eröffnen mit Bildmaterial vom erste Sprießen eines neuen Gingko-Baumes wendet sich der Film den ebenfalls mehr dekorativen denn wissenschaftlichen, neurologischen Untersuchungen von Hirnen zu.

Ein Baby und ein Erwachsener sind am Kopf voll mit Elektroden verkabelt. Beiden wird ein – ebenfalls sehr dekoratives – Bildmaterial vorgeführt. Das Hirn des Babys wird hochaktiv, große Gebiete des Hirnes färben sich auf dem berichtenden Bildschirm ein, während das Hirn des Erwachsenen auf Routinemodus verharrt.

So scheint es mir der Regisseurin Ildió Enyedi, die mit Tina Kaiser auch das Drehbuch geschrieben hat, zu ergehen. Während ihre beiden Vorgängerfilme Die Geschichte meiner Frau und Körper und Seele geprägt schienen von diesem Unvoreingenommen-Offenen, sich anregen lassenden Babyhirn, scheint es mir, als gebe sie auch hier zwar die Absicht kund, dieses ebenso tun zu wollen, aber es scheint ihr nicht zu gelingen, sie scheint nicht über die Routinen einer ‚acclaimed‘ Künstlerin hinauszukommen mit ihrem überaus ambitionierten Ziel, sich dem Leben zu nähern, dem Wachsen und Entstehen, der Kommunikation zwischen Mensch und Natur, dem Seelenleben von Pflanzen und außerdem noch dem Männchen-Weibchen-Spiel unter den Menschen, die das erforschen, und auch das scheint ihr nicht Ambition genug, es soll auch noch, dem Trend der Zeit entsprechend, die Geschichte eines Ortes über die Zeiten erzählt werden, so wie schon In die Sonne schauen, Sentimental Value, Die Farben der Zeit.

Es bleibt uninspiriert.

Der Ort ist eine Alma Mater, ein schöner Backsteinbau um 1832, dann zur Zeit der Studenten-Sit-Ins und mit einem eleganten Glasanbau erweitert im Heute. Hier ist Prof Wong (Tony Leung Chiu Wai) zu Gast.

Um 1832, diese Phase ist in schlaglichtlastigem Schwarz-Weiß auf der Leinwand, vermutlich in Farbe gedreht, zwar knallig aber nie so schön und poetisch wie Ozons Der Fremde. Hier will Grete (Luna Wedler) sich als Frau in den akademischen Betrieb einbringen. Die Vorurteile der Zeit sind krass und werden krass ausgespielt.

Es gibt eine Episode, die nebst all dem gediegenen, textilen Wirkwerk an Impressionen aus Natur und wissenschaftlichen Experimenten und den Menschen dazwischen, eine kleine Story vorhält.

Hannes (Enzo Brumm) soll für eine Kommilitonin, die ein paar Tage auf Wanderung geht, das Experiment mit ihrer Blume betreuen, regelmäßig gießen, aber auf gar keinen Fall eine Beziehung zu ihr aufbauen. Das ist eine lustig-listige Episode, was er daraus macht. Wobei sich hier typisch deutsche Drehbuchsätze hineinschmuggeln.

So geschmackvoll die Filmemacherin das Thema der Fortpflanzung der Fauna in den Film einbringt, so geschmackvoll lässt sie es unter den Forschern knistern, nette Zweideuteleien.

Ferner bringt sie geschickt kulturelle Parameter ins Spiel. Hannes, der im Gras liegt, liest Rilkes Duineser Elegien. Eine Forscherin hat in ihrer Wohnung ein Plakat von Hilma af Klint hängen. Solche kulturelle Wegmarken können womöglich entscheidend sein, ob Fernsehredakteure auf ein verquastes Projekt anspringen oder nicht.

Verquast kommt mir die Chose ein wenig vor. Denn eine wissenschaftliche Doku ist der Film nicht. Er ist aber auch nicht so furios, dass er wie das Babyhirn den Wissenschaftsbetrieb vollkommen unvoreingenommen als lebendiges, berichtenswertes, möglicherweise kurioses bis erschreckendes Ereignis wahrnimmt; da ist zu viel Vernünftelei davor. So tun als ob. Dieses allerdings ist zu einem ästhetisch unstreitbar schönen Wandteppich verwebt. Für die Freunde der textilen Kinokunst.

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