Ein Oratorium des abendländisch-christlichen Sadismus
„Mein Gott, mein Gott“ oder auch „Vater“, „warum hast Du mich verlassen“. Das kann vielleicht als die zentrale Aussage dieses Filmes von Alex Garland nach dem Drehbuch von Nia Da Costa gelesen werden. Kann, muss nicht.
Die christlich-sadistische Ikonographie liefert einen wesentlichen Bestandteil zu den Horrorbildern. Auch der Zombie-Fundus ist wichtiger Zulieferant zur packenden Kinobilderwelt.
Dr. Kelson (Ralph Fiennes) mit viel nackter, mit Jod eingesprühter Haut lebt in seinem Knochentempel in den Highlands, dem Ossuarium. Das ist ein kunstvoll installierter Wald aus meterhohen Knochenkunstwerken, Knochenstelen.
Kelson schießt Infizierte ab, er zerlegt sie, nimmt sie aus, häutet sie, kocht die Knochen aus; das dürfte über die christlich-abendländische Ikonographie hinausgehen. Bei einem Zombie zögert er. Es ist der nackte Riese Samson (Chi Lewis-Parry). Lange Haare hat dieser auch. Hier entwickelt sich eine zarte Zuneigung. Das wird den Reiz des Tötens und damit des Heimholens in die Heimstätte des Knochentempels erhöhen.
Außerhalb des abesperrten Bezirkes des Zombiereservates hat sich die wilde Truppe der Streuner um Jimmy Crystal (Robert Rhodes) bei einer Bauernfamilie selbst eingeladen. Die Jimmys sind eine Gang von Pubertären und Jimmy Jimmy ist auf der Suche nach seinem Vater; bittschön nicht mit dem Satan verwechseln.
Reizvoll oder vielleicht auch strange oder pikant wird die Angelegenheit dadruch, dass Dr. Kelson nicht nur ein exzellentes Englisch spricht, sondern lateinische Floskeln in seine Rede einfließen lässt.
Auf der Musikspur finden sich Dinge zwischen Ethno-Jam und Oratoriumsmusik. Die Innenausstattung der Schutzraumes von Dr. Kelson, Fotos, erzählen von einem früheren, bürgerlichen Leben. Ohne so einen Nexus würde die Geschichte doch recht ankerlos im Bilderfantasieraum schwadronieren. Wobei es mir nicht reicht, daraus irgend eine geistige Anregung zu holen.
Vielleicht muss man stark katholisch geprägt sein, um eine inspirierende Beziehung zu dem Film herstellen zu können. Oder vielleicht muss man sich das nachgeschobene Kapitel, das in einer zivilisierten Gesellschaft stattfindet, genau anschauen, um an Intrepretationshilfen zu gelangen. Was hat ein Ossuarium mit dem Marshallplan zu tun? Bei diesem ging es darum, dem besiegten Gegner auf die Beine zu helfen, damit man wieder Geschäfte mit ihm machen kann – oder um ihn umso liebevoller auf die Heimkehr vorzubereiten?