Ein hypothetischer Fall
Zumindest wirkt der Film von Sarah Miro Fischer, die mit Agnes Maagaard Petersen auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht so, als ob er auf „einer wahren Geschichte“ beruhe. Solches wird bei den Titeln oder den Credits nicht vermerkt.
Es scheint viel mehr darum gegangen zu sein, dass die Filmemacherin für ihren Film zum Abschluss des Filmstudiums einen Stoff gesucht hat. Sie scheint eine doppelte Entscheidung getroffen zu haben, einerseits das Thema Vergewaltigung. Andererseits das Geschwisterthema. Ein Doppelthema, damit macht man es sich nicht leicht, erst recht nicht als Beginner.
Der Film fängt dramaturgisch nach einem bewährten Rezept an. Rose (Marie Bloching) hat Zoff gehabt mit ihrer Freundin; sie steht auf der Straße. Sie bittet um Unterkunft bei ihrem Bruder Samuel (Anton Weil). Ihren Job hat sie in einer Arztpraxis. Nach einer Party landet Samuel mit Linda (Proschat Madani) bei sich im Bett. Schwesterchen hört vom Sofa, wo sie übernachtet, nicht präzise identifizierbare Geräusche.
Das ist ein Mittel, was der Film immer wieder versucht, nie zu genau zu sein, auf keinen Fall erklärend, lieber Dinge in der Schwebe und im Ungewissen lassend; das ist oft nicht ohne Reiz. So entstehen gerade anfangs schöne Situationen mit kaum Dialog, mit seienden Darstellern, dass die Idee aufkommt, der Film könnte ein ziemlich gutes Porträt der Jugend von abgeben.
Andererseits muss er aber sein Thema abarbeiten. Und da er das als Thema portiert und nicht als Familiengeschichte, vergisst er eine Charakterisierung dieser Familie (es spielt auch die Mutter mit) vorzunehmen, ihre Charaktere zu untersuchen und diese als dramaturgische Triebkraft einzusetzen und für Konflikte zu nutzen.
Das wird einem schmerzlich bewusst in dem Moment, später im Film, wenn das Haus der Mutter angeschnitten ins Bild kommt, das in einer Aufnahme an das Haus der Familie Borg aus Sentimental Value erinnert, einem skandinavischen Meisterwerk. Dort geht es auch um Geschwister. Aber über der Familie lastet ein Trauma; Familie und Haus haben eine Geschichte. Hier nichts Vergleichbares.
Die Familie wirkt konstruiert, um eine Geschwisterliebe, irgend eine, eine jederzeit austauschbare, auf die Probe zu stellen. Linda hat bei der Polizei Anzeige gegen Samuel wegen Vergewaltigung gestellt. Rose wird als Zeugin vorgeladen. Sie schützt ihren Bruder und spielt diejenige, die nichts mitbekommen hat. Das erzählt der Film mit gebremster Deutlichkeit.
Bei Rose löst das einen mehr skizzierten als dramatisch inszenierten – für den Zuschauer also eher: wenig spannenden – Konflikt aus: Wahrheit sagen oder nicht. Es tauchen plötzlich auch diese typisch deutschen Drehbuchsätze auf wie: „Ich wollte eine Quiche machen, aber es gab keinen Spinat“; die Antwort lautet lapidar „Gibt noch Mangold“. Oder „Wir gehen an den See, kommst Du mit“, „Vielleicht komm ich später nach“, aber weder Quiche noch See haben irgend eine erzählerische oder thematische Bedeutung.
Es gibt kinematographisches Talent zu sehen in diesem Film, vom Casting, den Schauspielern über die Kamera zum Schnitt und den weiteren Gewerken, nur scheint der Film nicht recht zu wissen, was er uns nun so dringlich erzählen möchte. Das ist tragisch.
Samuels Gewalttat kommt aus heiterem Himmel; kein Charakterzug von ihm, kein Hinweis aus der Familiengeschichte. Eine Ad-hoc-Vergewaltigung, damit sie drin ist, armer Samuel. Und warum rasiert er sich die Haare, warum weint er bitterlich? Damit er das auch noch zeigen kann? Das hat wenig Logik. Der Film traut sich aus dem geschützten Hochschulbiotop in den wilden Konkurrenzkampf auf den Leinwänden. Hier dürfte er es schwer haben, Belobigungen durch die Professoren helfen da nicht unbedingt.