Der Fremde

Volle Pulle Existentialismus

Und das in einem Schwarz-Weiß, wie es eindrucksvoller Algerien, die Sonne und deren Einfluss auf das menschliche Handeln – oder Nichthandeln – nicht schildern kann.

Was ist der Mensch angesichts menschengemachter Katastrophen wie der Weltkriege, des Gaza-Massenmordes, des Ukrainekrieges, Uganda und der dortigen Massenmorde. Kann man da von einem Menschen noch irgend ein Engagement, ein Gefühl, eine Passion erwarten? Muss man Trauer zeigen, wenn die eigene Mutter, die man in einem abgelegenen Altenheim in kargem Gelände untergebracht hat, stirbt?

Muss man Reue zeigen, wenn man aus ungeklärten Motiven einen Menschen töten, ja übertötet, indem man auf den bereits Erschossenen am Boden nochmals mehrere Schüsse abgibt? Kann das Zeigen solcher Emotionen oder deren Abwesenheit gerichtsrelevant werden? Wie kann ein Mensch sich seiner Handlungen sicher sein?

Meursault (Benjamin Voisin) ist Franzose und Büroangestellter in Algier. Zeit des Kolonialismus. Es wird ein gravierender Unterschied zwischen Indigenen (so liest es sich auf Französisch) und den Franzosen gemacht, beim Kino steht gut sichtbar, dass der Zutritt Einheimischen nicht gestattet sei.

Im Kino schaut sich Merusault mit Marie (Rebecca Marder) Le Schpountz mit Fernandel an. Der Ausschnitt hier im Film von Francois Ozon zeigt Varianten des Komikers, die von einem zum Tode Verurteilten handeln. Der Film stammt aus dem Jahr 1938, gibt also einen Hinweis auf den Zeitraum, in dem Ozons Film spielt.

Meursault kennt Marie von früher. Sie begegnen sich am Tag nach der Beerdigung seiner Mutter und verabreden sich zum Schwimmen. Nachher gehen sie zu ihm nach Hause und lieben sich. Auch in dieser Beziehung bleibt offen, wie weit Meursault innerlich beteiligt ist. Über seinen Frauen gegenüber gewalttätigen Nachbarn Raymon (Pierre Lottin) gerät er ins Spannungsfeld der Auseinandersetzungen, die dieser mit dem Bruder seiner algerischen Freundin hat, er lässt sich zu einer falschen Zeugenaussage bewegen. Das macht er so emotionslos, es scheint auch gedankenlos, wie er Marie die Zusage zur Heirat gibt.

Der Abschied von seiner Mutter ist ein weiteres Topos, in welchem Ozon meisterlich, schmerzhaft, die Emotionslosigkeit von Mersault schildert. Man weiß nicht recht, was mit ihm los ist. Auch das Gefängnis als Folge seiner Mordtat nimmt er als Selbstverständlichkeit regungslos hin. Den einzigen Gefühlsausbruch zeigt er, wie ein Geistlicher ihn penetrant belabert.

Der Film ist eine Wucht. Er ragt heraus aus der Masse der die Leinwände stürmenden, filmischen Neuheiten. Aber er kommt in einem Gewand daher, das wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Die Weltverlorenheit, die Unbeteiligtheit, die Entfremdung des Protagonisten hat Ozon akribisch mit seinem bestimmt äußerst sorgfältig ausgewählten Darsteller Benjamin Voisin herausgearbeitet. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser Mann nach Drehschluss wie ein junger Mann unserer Zeit herumläuft, und auch emotional womöglich für irgendwelche Dinge engagiert ist. Der Film jedenfalls lässt keinen ‚ennui‘ aufkommen. Nous sommes tous des condamnés.

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