Familiäre letzte Reise
Unter all den Sterbehilfefilmen, die in der Schweiz enden, meist mit dem Tod des Protagonisten oder der Protagonistin, ist dieser hier von Enya Baroux, die mit Martin Darondeau und Philippe Barrière auch das Drehbuch geschrieben hat, bestimmt der fröhlichste, der charmanteste, der am süffigsten erzählte.
Vielleicht, weil er gar nicht erst so tut, als sei er ein solcher. Vielleicht, weil die Beteiligten sich bis zuletzt keifen und streiten und belügen und sich etwas vormachen.
Die Situation ist verzwickt, vielleicht weil auch keine der Personen irgendwie das Gefühl hat, das Heft des Handelns in die Hand nehmen zu müssen. Weil das Gros der Protagonisten nicht gerade die Macher und die Siegertypen sind, die Alphatiere, die straight ihr Schicksal meistern. Es sind aber auch keine Schwerenöter.
Eher sind sie nicht in den allerglücklichsten Lebenslagen. Allen voran Marie (Hélène Vincent). Sie lebt noch in ihrem Haus, hat den Krebs besiegt, ist pflegebdürftig. Bei ihr lebt ihr Sohn Bruno (David Ayala). Dessen Frau lebt in Spanien. Sein Konto ist heillos überzogen und seine Tochter, 10, Anna (Juliette Gasquet) mit den ersten Blutungen beschäftigt und mit dem Bindenkauf, wenn denn ihr Vater nicht das letzte Geld von ihrem Konto abgezogen hätte.
Dann ist da noch Pfleger Rudy (Pierre Lottin), der ist grad bei einem Pflegefall rausgeflogen, nachdem er sich nicht regelkonform dort einquartiert hatte. So weit so desolat. Aber es soll noch desolater kommen.
Der Krebs streut wieder bei Marie. Die Qualen eine Chemo will sie nicht nochmal erleiden. Sie hat einen Termin bei einem Institut, das die Sterbehilfe in der Schweiz organisiert. Aber ihr Sohn Bruno schafft den Termin nicht. Also gibt sie Rudy als ihren Sohn aus.
Es ist alles vorbereitet für die letzte Reise. Unterschriften mit Rudy als ihrem Sohn, kein Problem. Die Familie hat einen Campingwagen, aber Bruno kann nicht mehr fahren. Mit diversen Lügen schafft es Marie, dass tutta la famiglia sich auf eine Glücksreise in die Schweiz aufmacht.
Enya Baroux schildert das mit einer magischen Kamera, die sich an ihr Objekt heftet mit einer Herzlichkeit und Leichtigkeit und beschwingt den Zuschauer mit dieser Prise Mehrwissen als manche der Beteiligten.
Ein kleiner Storystrang ist der mitreisenden Ratte Lennon gewidmet, dem Herzenstier von Rattenallergiker Rudi. Die Reise geht im Genusstempo vorwärts, kommt wenig vom Fleck, gönnt sich einen Aufenthalt am See. Richtig gewürzt wird sie durch den Aufenthalt bei einem Roma-Clan, der sein Wohnwagenlager in der Natur aufgestellt hat. Bei denen geht es um den Tod der Oma und die Tradition, dass darnach alle sich was aussuchen dürfen, bevor der Wagen verbrannt wird.
Der Film serviert seinen Stoff leicht und mit genau dem richtigen Maß an emotionaler Musik. Im richtigen Moment kommt ein Auto ins Spiel, das auf dem Dach eine Clownswerbung trägt. So wird der Abschied leicht gemacht.