Tatort: Das Verlangen (ARD, Freitag, 26. Dezember 2025, 20.15 Uhr)

Ein Staaatstheaterproblem
Zweifacher Bühnentod
Einmal durch Erhängen,
einmal der Darstellerin auf der Bühne beim Spielen

Nachdem Pumuckl sich in die Bayerische Staatsoper verirrt, darf der Tatort nicht hinterherhängen und muss wenigstens im Bayerischen Staatsschauspiel seinen Auftritt haben.

Vor kurzem gab es im Kino den Film Sentimental Value. Dieser skandinavische Film fängt die ganze Aufregung vor einer Vorstellung ein. Da ist die Protagonistin mit privatem Vornamen Nora am Rande des Nervenzusammenbruchs.

In Bayern fällt Nora, also privater Rollenvorname der Darstellerin, aus und eine andere muss die Nina – ebenfalls in Tschechows Möwe – übernehmen. Zwei fast haargenau gleiche Filmanfänge.

Im skandinavischen Film von Joachim Trier spielt das Theaterstück selber keine Rolle, dort geht es um feinsinnige Analyse menschlicher Beziehungsgeflechte, um Freiheit und trangsenerationale Traumata.

Auch in München ist die Nora am Rande der Panik, verkriecht sich in der Toilette, im deutschen Fernsehen kommt das melodramatisch rüber. Sie heult, stößt kurz auf und schon ist sie beschwichtigt. Im deutschen Tatort-Fernsehen folgt ein kleinkarierter Hickhack um die Rolle, denn die andere Schauspielerin darf jetzt doch nicht übernehmen, tut mir leid, meint eine Theaterfunktionärin. Dann füllt minutenlang deutsches Staatstheater mit Hinterdenkulissengeplänkel vermengt den Bildschirm. Dürfte für den einen oder anderen Zuschauer ein Grund zum Wegzappen sein.

Die beiden sonnengebräunten Kommissare wirken, als ob sie ihre Rentenzeit im Süden angetreten haben und aus purer Nostalgie oder weil sie doch irgendwer für unersetzlich gehalten hat, nochmal in ihre alten Berufsbuxen und -schuhe gestiegen sind.

Der Tatort stochert jetzt unentschieden im Staaatstheatermilieu herum, einerseits versucht er – recht gestelzt – Hinter-den-Kulissen-Atmosphäre herzustellen; an den Thomas-Bernhard-Satz vom Theater als einer Falle kommt er nicht heran.

Es sieht so aus, als haben die Autoren Norbert Baumgarten und Holger Joos mal was gehört von Intrigen im Theater, diese aber nicht selber beobachtet und anlysiert, und so ein paar Szenen am Computer aus dem Ärmel geschüttelt, wer weiß, vielleicht war KI auch noch behilflich. Das reimt sich nicht so recht realistisch zusammen. Überhaupt bleiben die Dialoge eher weltfremd und schon gar nicht dem Leben abgeschaut.

In diesem lauen Stochern sind Ermittlungansätze der Kommissare eingefädelt. Ein weiteres Problem bei Theater-im-Film-Projekten ist die Differenz on-stage / off-stage; das ist schlampig gelöst. Das ist vielleicht ein Casting-Problem, es gibt Schauspieler, die können das und solche, die können es eher nicht.

Kommissare müden sich durch einen schlecht erfundenen Theatersumpf.

Der Tatort möchte einen Blick in die Theaterwelt werfen, verwendet dabei ein trübes Brennglas. Zudem sind Theaterintrigen nun nicht gerade ein brennendes soziales Thema für den überwiegenden Teil der Zwangsgebührenzahler.

Die Macher verstehen es auch nicht, den Stoff über das Fachspezifische hinaus interessant zuzubereiten, so wie ein Joachim Trier in Sentimental Value vorgeht. Es wirkt so, als trample das Tatortformat wie ein Elefant im hochkomplizierten Beziehungsgeflecht eines Theaterbiotops umher, ohne dieses dem theaterfremden Zuschauer einsichtig, verständlich oder als spannend zu vermitteln. Also wieder so ein Tatort-DNA-Fremdgänger unter der redaktionellen Verantwortung von Cornelius Conrad, nicht im Sinne eines öffentlich-rechtlichern Unterhaltungsfernsehens.

Immerhin, das kann dieser Tatort vermitteln: das Theatergebäude als ein Labyrinth, so oft sich die Darsteller durch die Gänge, Treppen, Flure, Brücken bewegen; ist aber eitel genug, das auch noch kommentieren zu lassen „Wer hat denn dieses Theater gebaut? Kafka?“. Schlecht recherchiertes und durchdachtes Drehbuch. Und was ist bloß aus Andreas Kleinert, dem einstigen Regie-Wunderkind geworden?

Die Tschechow-Aufführung selbst scheint von eher durchschnittlich-steifer Stadttheaterqualität zu sein.

Dem Titel „das Verlangen“ – erinnert an die Begierde… – wird schon gar nicht erfüllt.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert