Die Lebenslinien als Promotions-Vehikel für einen Kabarettisten –
so spannend wie der berühmt-berüchtigte Diaabend bei Freunden
Diese Sendung hätte sich der BR, Redaktion Rahel Roudyani, Buch und Regie: Steffi Illinger – bei aller Sympathie und auch den öffentlich-rechtlichen Verdiensten des Protagonisten – schenken können. Sie scheint hauptsächlich gemacht als PR-Vehikel für das Revival einer Altherren-Band.
Ach, diese Lügerei, man halte Privates und Öffentliches strikt getrennt und – wisch – schon ist man mitten in den Familien-Tratsch-Kinder- und Scheidungsgeschichten mit Fotos und Videos.
Ein tragischer Schockmoment, der den ermüdeten Zuschauer aufschrecken lässt: „Für das Publikum völlig überraschend ist dann nach 22 Jahren Schluss und zwar nicht nur mit der Fernsehsendung ‚Gründwald Freitagscomedy‘ sondern auch mit den Bühnenauftritten“. Das sagt die alles einebnende Sprecherfee.
Immerhin gibt es eine Begründung dafür, nämlich dass Franz, der den Protagonisten vom ersten Bühnenauftritt an begleitet hat, gestorben ist, und dann auch noch die Agentin. Das scheint ernsthaft, ehrlich und ehrenhaft; lange hält die Nibelungentreue nicht, der Rücktritt vom Rücktritt lässt nicht auf sich warten und dafür muss jetzt diese Gratis-Promo her.
Immerhin, die Sendung sei nach ökologischen Standards produziert, ist am Schluss zu lesen, was immer das heißen mag (ist der BR jetzt mit lauter Elektrofahrzeugen unterwegs zu den verschiedenen Wohn-, Schul-, Preisverleih- und Sendungsaufzeichnungsorten?).
Die Lebenslinien erwecken den Eindruck, als seien sie für ein teilbeschränktes Publikum gemacht, das nicht wissen darf, wieviele Immobilien so ein Kabarettist im Laufe des Lebens anhäuft, wie viele Millionen er dank dem kapitalistischen Modell verdient, wie viel Zwangsgebührengeld im Lauf der Jahre auf sein Konto geflossen ist; nein, das darf der mündige Zuschauer auf gar keinen Fall erfahren; ihm traut man nur zu, damit umgehen zu können, dass es in den Anfangszeiten schwierig gewesen sei.
Dabei haben die Sender, das würde kürzlich gerichtlich bestätigt, ausdrücklich die Auflage, die vielfältigsten Interessen zu berücksichtigen und nicht nur wie hier, die einfältigsten. So kommt der Rundfunk seinem ureigenen Auftrag nicht nach.
Der BR wirbt säuselnd in der eigenen Sauce köchelnd für eine Band, die garantiert demnächst bei ihm einen – gut bezahlten – Auftritt haben wird. Aber wie viel, das bleibt öffentlich-rechtliches Geschäftsgeheimnis. Das entspricht nicht dem Bild eines mündigen Bürgers, der das A und das O einer funktionierenden Demokratie ist.
Zum Themenbereich mündiger Zuschauer gehört auch die Überlegung, warum sollen die Lebenslinien-Redaktion nicht offenlegen, wie die Entcheidung für einen Protagonisten zustande kommt, ob der oder seine Firma sich bei der Redaktion gemeldet hat, wie der Tipp dahin gelangt ist, wie die Redaktion davon gehört hat und wie die Redaktionsentscheidung, auch für die Regisseure und Regisseurinnen zustande kommt, ob so ein Feature kompetitiv ausgeschrieben wird oder nach dem Gunstprinzip verteilt. Nichts von alledem. Man geht vom belämmerten Zuschauer aus, der eingeseift, aber nicht aufgeklärt werden soll. Und wundert sich dann, dass die Akzeptanz eine solch tranigen Rundfunkes von Tag zu Tag schwindet.
Erstaunlich ist, wie kritiklos sich so ein bekannter Kabarettist offenbar auf so ein Format einlässt und im Handumdrehen seine ehernen Grundsätze von wegen die Familie raushalten, sausen lässt, den PR-Effekt für sein neues Projekt im Sinn.
Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!
Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratisch eminent wichtige, gigantische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.