Sentimental Value

Transgenerationentrauma?

Wohlverstanden, das Thema drängt sich nicht auf, macht sich nicht wichtig, drängt sich in keiner Weise in den Mittelpunkt noch in den Vordergrund. Es mag vielmehr wie ein Bootshilfsmotor sein, der ganz unauffällig an wenig beachteter Stelle eine Jolle behutsam nach vorne treibt, in Bewegung hält.

Es könnte das Thema sein, was nicht nur diesem Film von Joachim Trier, der mit Eskil Vogt auch das Drehbuch geschrieben hat, sein Need verleiht, sondern, klarer noch, dem Film im Film, der darin vorkommt und der damit verbundenen Familiengeschichte.

Die Erzählung geht über die Geschichte des Hauses der Familie Borg als Schulaufsatz aus der Sicht von Nora (Renate Reinsve). Hier wurde ihr Vater Gustav (Stellan Skarsgard) geboren. Er kam 1951 in dem Haus zur Welt. Er ist Filmregisseur geworden. Seine spätere Frau Sissel brachte hier 1987 Nora zur Welt. Sie hat noch eine Schwester, Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas). Diese ist verheiratet, hat einen 9-jährigen Sohn.

Nora ist Schauspielerin, in keiner Beziehung und das Verhältnis zum Vater ist distanziert. Nora wird vorgestellt vor einer Theaterpremiere. Sie scheint in einem Zustand, der näher an einem psychischen Zusammenbruch einzuordnen wäre als beim Lampenfieber. Sie bekommt keine Luft mehr. Das Kostüm sei ihr zu eng. Sie sperrt sich in ihrer Garderobe ein. Der Vorhang ist bereits offen, die Lichter im Saal sind erloschen, die Intro-Musik läuft bei leerem Bühnenbild.

Hinter der Bühne herrscht helle Aufregung. Der Regisseur, der bereits im Saal Platz genommen hat, wird nochmal hinter die Bühne gebeten. Der Film interessiert sich nicht weiter für die Aufführung. Mit Bildern vom Schlussapplaus gibt er uns zu verstehen, dass alles gut abgelaufen sei; aber er hat das Objekt seines Interesses gefunden und fängt an, dieses zu erkunden.

Der Film schweift in die Umgebung von Nora. Sie hat eine Affäre mit einem Kollegen. Der Vater tritt ins Licht. Er will nach längerer Pause einen Film machen. Das ist der Film, der in der Familiengeschichte gräbt. Da gibt es unerfreuliche Fundstücke aus der Nazizeit, der Besatzungszeit.

Die Kinder hatten im Zaun um das Anwesen einen Durchschlupf zum Abhauen. Am Ofen im einen der Zimmer konnte man über die Rohre Gespräche im Salon mithören, auch Dinge, die nicht für Kinderohren bestimmt waren.

Nora möchte auf gar keinen Fall in dem Film mitmachen, sie möchte nicht ihre eigene Mutter mit dem traurigen Ende spielen müssen. So engagiert Gustav Rachel (Elle Fanning), die sich überlegt, ob sie einen skandinavischen Akzent sich antrainieren solle; sie spürt, dass da etwas ist, was sie nicht leisten kann. Es soll im Haus der Familie gedreht werden. Vorgespräche finden statt. Gustav bringt eine Finanzierung zustande mit Michael (Jesper Christensen), aber seinen Leib- und Magenkameramann findet er in in einem Zustand vor, der ihm nicht mehr allzuviel Bewegung mit der Kamera ermöglicht.

Es ist ein Stück weit auch ein Film über alte weiße Männer, die es nochmal wissen wollen. Der Film ist exzellentes Seelendrama in bester skandinavischer Tradtion (Dreyer, Bergman) mit exzellenten Schauspielern, er ist Familien- und Künstlerdrama zugleich.

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