When Lightning Flashes Over the Sea

Odessa

Beim Sichten dieses Filmes von Evy Neymann denkt man selbstverständlich immer an den Krieg, den der Kriegsverbrecher und Massenmörder aus dem Kreml über die Ukraine gebracht hat. Und man fragt sich pausenlos, wozu soll das gut sein? Die Menschen leben weiter, sie haben ihre Würde weiter. Zerstörungen von Häusern werden repariert oder die Natur überwuchert sie. Für das Kino kann beides bestechend schöne Bilder abgeben, speziell, wenn es ein Kino ist, das Wert legt auf das Fotogene, das sich Zeit lässt mit einer ruhigen Kamera, die sich diskret im Hintergrund hält, ohne dass sie ein Eigenleben entwickelt. Odessa ist wichtig.

Der Film bietet ein Kaleidsokop der Stadt am Schwarzen Meer. Er erinnert in seiner Vielseitigkeit und seinem ernsten Interesse an den Menschen an den georgischen Film Was wir sehen, wenn wir zum Himmel schauen.

Der Film wird gehaltvoll, weil er Menschen porträtiert in ihrem Denken und Träumen, in der Reflexion ihres Lebens, ihrer Erinnerungen. Es geht was vor in diesen Menschen. Egal, ob es ein Bub ist, der munter drauflos seinen inneren Monolog hält und über seine Träume plaudert oder die Frau, die aus Georgien geflohen ist und jetzt eine provisorisch eingerichtete Küche betreibt. Oder die Frau, die den Holocaust als Kleinkind aus Zufall oder mit Glück überlebt hat, weil sie schon an der Reihe gewesen wäre, und die mitten in der Erzählung aufs Jiddische wechselt.

Zwischen den einzelnen Porträts montiert die Dokumentaristin Stimmungsbilder aus dem heutigen Odessa, sowohl von intakten Stellen als auch von solchen, die kriegsbeschädigt sind. Oft ist es dunkel wegen Stromausfalls. Sirenen heulen, Granateinschläge sind zu hören.

Ein alter Mann geht nicht in den Keller. Er erzählt lieber von sich, von seinen Kindern, wie ihn die Geburt seiner Zwillinge berührt habe. Das Museum ist ausgeräumt, ein verbliebener Wächter zählt große Namen aus der Malerei auf, die hier ausgestellt waren.

Es gibt musikalische Einlagen von Straßenkünstlern, klassische Musik auf der Tonspur, junge Mädels, die an einem Brunnen Selfies machen, ein Mönch, der Ikonenbilder vom Nikolai verteilt, dem Schutzpatron der Seefahrer.

Eine alte Frau kümmert sich um Katzen, da sie ihre Liebsten verloren hat. Ein junger Mann ist mit dem Einberufungsbefehl konfrontiert. Soll er gegen seinen Bruder kämpfen, der in Moskau ist? Es gibt Bilder von einer feinen Gesellschaft.

Krieg hin, Krieg her, die Menschen bleiben Menschen, sie mögen einen erschwerten Alltag haben, sie mögen ihnen liebe Mitmenschen verloren haben, aber was will der Schwerverbrecher und Massenmörder im Kreml erreichen? Er kann die Menschen nicht ändern, so oder so gehen sie durch ihr Leben. Das abzubilden lohnt sich.

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