Kein Propagandafilm
Im Anschluss an die Münchner Presseaufführung entspannen sich heftige Diskussion, ob das nun ein Propagandafilm sei oder nicht; auf der Damentoilette soll es sogar zu einer lautstarken Schereerei zwischen zwei Kabinen gekommen sein.
Ein Film, der eine Ungerechtigkeit, die jemandem widerfährt, aufzeigt, der ist meiner Ansicht nach noch kein Propagandafilm. Das Argument der Propagandafilmbefürworter lautet: es käme darin kein einziger sympathischer Israeli vor. Dem Argument ist mit dem Hinweis auf den zweiten Teil des Filmes sofort der Wind aus den Segeln genommen. Dann heißt es – kleinlauter – aber der erste Teil sei reine Propaganda.
Worum geht es in dem Film von Cherien Dabis?
Der Film fängt 1988 in der Westbank mit der ersten Intifada an. Noor ist ein junger Mann, der statt zur Schule zu den Demos geht. Jetzt fädelt der Film exemplarisch an der Familiengeschichte von Nour und „basierend auf historischen Ereignissen“ die Hintergründe auf, die zu dieser Intifada geführt haben. Es ist ein Aufstand gegen Unterdrückung. Der Film erzählt aus der Sicht der Unterdrückten.
Es ist eine Geschichte von Vertreibung, Heimatverlust, Schikane und Diskriminierung. Es ist die Geschichte, wie es zur ersten Intifada 1988 kam, dargestellt anhand von einzelnen, signifikanten, dicht und intensiv erzählten Szenen des Schicksals dieser einen Familie. Es beginnt 1948. Die Großeltern von Noor sind wohlbestallte Palästinenser, die in einem feinen Haus in Jaffa wohnen.
Der Vater von Noor, Salim, ist ein pfifiger, gelehriger Junge. Er wird selber Lehrer. Ein Argument der Propaganda-Position ist dasjenige, dass auch jeglicher Humor fehle. Wie der Lehrer den Schülern die Notwendigkeit des Lesens mit Puppen beibringt, das ist nicht ohne Humor und es gibt auch weitere Stelle mit einer gehörigen Portion Selbstironie, wie sich Palästinenser ihr Elend schön reden. Das Humorfrei-Argument zur Stützung der Propagandainterpretation fällt auch flach.
1948 folgt die Vertreibung der Familie. Sie verliert alles. Immerhin kommt sie bei Verwandten unter und muss nicht in eines der Zeltlager. Der Vater von Salim will in Jaffa bleiben. Er wird aus dem Haus gezerrt und in ein Straflager gesteckt.
Der Film stellt das Unrecht, das Salim und seiner Familie wiederfährt, heraus und nicht die Täter, schon gar nicht als Zielscheibe für mögliche Ressentiments aus dem Publikum. Auch das keine Propaganda. Das israelische Militär wird so neutral wie möglich geschildert. Klar ist aber auch, dass es in solchen Situationen schwer sein dürfte, sympathische Menschen zu schildern. Sie machen einen doofen Job.
Richtig Kacke-Kerle treten nur in der Schikane-Szene auf, wenn Salim bereits Vater von Noor ist, also 20 Jahre später. Bei denen kann man es auf jugendlichen Übermut schieben. Salim verspätet sich bei einer Ausgangssperre und wird in Anwesenheit seines Sohnes brutal gedemütigt.
Das dürfte einer der Knackpunkt im Film sein, wie der etwa zehnjährige Bub Noor die Demütigung seines Vaters, der alles mit sich machen lässt, mitansehen muss. Das dürfte ein entscheidendes Erlebnis für ihn gewesen sein, dass er sich zehn Jahre später aktiv in der Intifada engagiert.
Auch das ist so kaum als Propagandafilmmaterial zu sehen, zeigt es doch, wie Widerstand zustande kommt; es zeigt nicht auf die Täter und versucht auch in keiner Weise, Stimmung gegen sie zu machen, was ja das Hauptcharakteristikum eines Propagandafilmes ist; er weckt allenfalls im Zuschauer den Wunsch nach Gerechtigkeit.
Offenbar aber hat der Filmemacher selbst befürchtet, mit dem Argument des Propagandafilmes konfrontiert zu werden. Er nimmt den Faden, den er anfangs gesponnen hat, wieder auf. Ab jetzt wird die Review eine schlimme Spoilerei werden. Wer das nicht mag, darf auf keinen Fall mehr weiterlesen und muss sich selber im Kino überzeugen, wie der Film den Propagandavorwurf entkräftet.
Denn, wenn der Film bis jetzt an einem Beispiel das Schicksal der Palästinenser allgemeingültig geschildert hat, entscheidet er sich, den Weg der zunehmenden, historischen Radikalisierung der Jugend zu verlassen. Er schwenkt auf einen versöhnlichen Pfad ein; also das krasse Gegenteil von Propaganda.
Noor erleidet eine Schusswunde bei den Demos. Hier kommen menschlich gezeichnete Israelis ins Spiel (auch das ein Argument, was schon vorher nicht gepasst hat: auch die ‚bösen‘, vertreibenden, schickanierenden Israelis waren nicht als Monster charakterisiert; nicht als Inbegriff des Bösen).
Noors Schusswunde muss mit einem CT untersucht werden. Das geht nur in Haifa. Nach dem beschwerlichen Weg dorthin schwenkt der Film zum Thema der Organspende, ein ethisches Problem, was direkt nichts mit dem Nahost-Konflikt zu tun hat. Für die Vertreter der Propaganda-Version des Filmes ist der Film erst ab diesem Einschnitt kein Propagandafilm mehr. Insofern geben sie schon mal zu, dass damit nicht der gesamte Film ein solcher sein kann.
Man könnte also sophistisch die Verteter der Propagandafilmthese fragen, ob denn ein Film, der ihrer Ansicht nach in der ersten Hälfte Propaganda sei, auch dann noch ein Propagandafilm sei, wenn diese in der zweiten Hälfte in ihr Gegenteil verkehrt wird: versöhnlich.
Erstaunlich vor allem, wie heftig und schier allergisch die „Propagandisten“ dafür den ersten Teil, der ja die Voraussetzung für den zweiten bildet, als Propagandafilm abtun, als ob es unrecht sei, Unrecht, was Menschen angetan wird, zu schildern.