Marios Destino

Künstlertum

Ende Oktober stellten Fiona Rachel Fischer und Nicolas Cassardt ihre gemeinsame Dokumentation über den Künstler Mario Steigerwald in einer Sonntagsmatinee im Kino Neues Maxim in München vor. Siehe auch das Interview mit den beiden, das morgen um 11 Uhr an dieser Stelle online geht, eine empfehlenswerte Wochenendlektüre!

Die Kooperation von Filmmensch und Journalismusmensch hat gefruchtet.

Das Motto, dem Film vorangestellt, bezieht sich auf den Lidschlag, den Augenblick, es weist auf Momente hin, die dem Menschen unauslöschlich im Gedächtnis bleiben.

Dreh- und Angelpunkt des Films ist der zentrale Schmerz des Protagonisten, ein doppelter Schmerz. Darüber spricht der Künstler in einer theatralen Installation, die auch die Dokusituation offenlegt. Er sitzt vor Schwarzwand auf einer Bühne, um ihn herum in engem Kreis ein Team von fast einem halben Dutzend Menschen, die meisten mit Kamera. Hier soll er über seine tiefsten Dinge sprechen. Ein Akt, der Überwindung kostet, der aber auch mit einem Befreiungsgefühl belohnt wird.

Da ist der Schmerz aus dem Elternhaus. Das Wort Eltern nimmt Mario kaum in den Mund. Er nennt sie nur eiskalt seine Erzeuger. Keine Herzlichkeit, keine Wärme, nur Eingesperrtsein.

Mario Steigerwald ist in Uruguay aufgewachsen. 1973 gibt es dort einen Staatsstreich mit nachfolgender Militärdiktatur. Da Steigerwald mit Flugblattaktionen die Tupamaros unterstützt, wird er verhaftet, gefoltert.

Über sein Elternhaus und auch deren deutschen Namen ist kaum was zu erfahren, lediglich, dass sein Vater ihm nach der Haftentlassung ein Flugticket zu einer Tante in der Schweiz organisiert hat und einen Pass für einen dreimonatigen Aufenthalt. Der ‚Erzeuger‘ hatte gnadenlos kein Rückticket organisiert. Abschiebung.

Der Film steht im Kreuz mehrer starker Fäden. Es sind dies die Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es Auswanderungsbewegungen nach Lateinamerika. Nach dem zweiten Weltkrieg waren lateinamerikanische Staaten oft ein sicherer Hafen für gesuchte Naziverbrecher, ein Thema, was auch das Kino immer wieder beschäftigt, zuletzt mit einem Schwarz-Weiß-Massenmörder-Film, der die Gräueltaten in Farbe zeigt. Speziell bekannt ist die Beziehung zwischen Bayerns Franz Josef Strauß und der chilenischen Diktatur.

Weniger im öffentlichen Bewusstsein dagegen ist, dass es in München eine starke Latinogemeinde gibt, die vermutlich im Vergleich zu ihrem Gewicht weit unter dem Radar fliegt. Hier schließt der Film eine Lücke, hier macht er auf einen Immigrantenkünstler aufmerksam.

Mario Steigerwald ist ein innerlich getriebener Künstler, getrieben von seinem Schmerz, der teils im Bewusstsein ist, teils in einem Koffer verschlossen, Traumata. Ein Künstler, der Spuren hinterlassen möchte, der sich als Sozialarbeiter für die Jugend einsetzt; sein Helfersyndrom, wie er selber meint. Ein Künstler, der seiner Tochter all die Liebe geben wollte, die er nicht erhalten hat. Seine Tochter ist eine von den wenigen und angenehm spar- und behutsam eingesetzten Talking Heads. So wie sie über ihren Vater redet, kann man sich gut vorstellen, dass er ein Stück seines Traumas unwillkürlich an sie weitergegeben hat.

Mario Steigerwald ist ein Künstler, den nicht der Markt interessiert, nicht das Branding, nicht die Berühmtheit, nicht die Geldmacherei. Obwohl man ihm ansieht nach dem Screening, dass die Aufmerksamkeit des Publikums Balsam für ihn sein muss. Er hat ein paar Werke von sich in einer Ledermappe dabei. Die können die Leute nachher anschauen, anfassen, aber verkaufen möchte er sie nicht.

Da ist er, der Künstler aus Neuperlach, der schon auf der Kleinkunstbühne Pepper gestanden hat mit einem sehr persönlichen Stück. Es ist ein Künstlerfilm, wie er sich angenehm abhebt vom großen Anschwall der Biopics und Künstlerbiographien von lauter berühmten Leuten, die oft nur dem Marketing dienen (zuletzt Bruce Springsteen, Spielfilm). Vielleicht am ehesten noch in der Nähe von der Doku Mona Mour zu sehen.

Vor allem sollten die Redakteure der BR-Lebenslinien sich diesen Film anschauen, der ja auch eine Art Lebenslinie darstellt, noch dazu von einem Künstler mitten in Bayern, mitten aus der Subkultur, und sich Impulse für eine Revitalisierung des arg arthritisch und viel zu oft promipusselig gewordenen Formates zu holen. Man stelle sich vor, Fischer und Cassardt hätten der Versuch gestartet, mit Mario Steigerwald frühere Wohnungen oder Schulen von ihm zu besuchen, das wäre doch absolut lächerlich, da er so viel Anderes, Interessanteres und Tieferes zu sagen hat.

Ein Thema von ihm sind die kleinen Unebenheiten, die den Mobiles, die er gerne baut, erst die Bewegung ermöglichen. Die musikalische Untermalung halten die Filmemacher angenehm diskret im Hintergrund mit leichtem Saitenzupfen und Sound dazu. Und nicht zu vergessen: Mario Steigerwald ist selbst ein passionierter Fotograf. Es gibt Aufnahmen von der zarten Angela, die bestimmt jeder schon mal im Unter- oder Zwischengeschoss von Marienplatz oder Stachus gesehen hat, wie sie gebückt einfach dasteht. Wie bei vielen anderen Künstlern, kommt auch bei ihm eines Tages die Frage, was wichtiger sei, die Kunst oder die Familie … ein eigenes Atelier, das ist schon was.

2 Gedanken zu „Marios Destino“

  1. no ser numero, ni cifra, tampoco signo,
    no ser letra, vocal o consonante, con acento o sin el,
    no ser parentesis, ni punto de interrogacion,
    no ser grito, ni silencio,
    no ser recuerdo efimero, ni futuro incierto,
    sino presente, terrenal, con piel y con huesos,
    lleno de emociones a pesar de las dudas

    weder nummer sein, noch ziffer, auch kein zeichen,
    kein buchstabe sein, vokal oder konsonant, mit akzent oder ohne,
    weder klammer sein, noch fragezeichen,
    weder schrei sein, noch stille,
    weder kurzlebige erinnerung sein, noch unsichere zukunft,
    sondern präsens, erdig, mit haut und mit knochen,
    voller gefühle, trotz der zweifel

    hay segundos que te acompañan toda la vida

    es gibt sekunden die dich ein ganzes leben lang begleiten

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