Ankerpunkt des Seins
Was ist der Bezugspunkt, der Ankerpunkt für die eigene Identität, für die eigene Existenz, für deren Definition? Diese Frage stellt sich Munir (Georges Khabbaz – hoffentlich der richtige Name, da bei IMDb die Rollennamen nur spärlich angegeben sind). Er stammt aus dem Nahen Osten, spricht von Hause aus Arabisch, lebt in Hamburg und ist Autor.
Munir hat Kontakt zu seiner Mutter über das Internet. Sie ist dement. Sie erzählt ihm immer wieder die gleiche Geschichte von der Schafherde und vom Schäfer (Ali Suliman); das ist ein urbiblisches Topos. Er wird als einäugig dargestellt, der nicht hört, nicht sieht, nicht spricht. Er lebt in einer bescheidenen Behausung in steppenartiger Gegend mit seinen Schafen und mit Sibel Kekilli, die Schafswolle spinnt.
In Hamburg ist Munir mit Sarah (Laura Sophia Landauer) zugange. Er kommt nicht weiter mit seinem Roman, der diese grundlegenden Fragen und ob ein Mensch eine Spur hinterlässt, behandelt.
Munir nimmt sich eine Auszeit auf einer Halligen. Dort kommt er bei der Wirtin vom Gasthaus Johannson (Hanna Schygulla) unter. Bei ihr wohnt ihr Sohn Kurt (Tom Wlaschiha). Sie ist anfänglich reserviert und abweisend, ohne Reservierung keine Unterkunft. Wie er auf Arabisch über den Scheißladen schimpft, erbittet sie eine Entschuldigung. Damit ist das Eis gebrochen.
Später wird Kurt ihm einmal auf Arabisch antworten und bei einem Kneipenfest legt Hanna Schygulla orientalische Musik auf; sie und Munir tanzen wunderbar sensibel dazu.
Trotz einer drohenden Sturmflut bleibt Munir auf der Halligen und darf jetzt vom entfernten Gästehaus, das gerade renoviert wird, in das Gästezimmer im ersten Stock ziehen.
Der Film von Ameer Fakher Eldin ist Kino gewordene Lyrik. Er bleibt bei seinem, also Munirs, Thema, bei der Geschichte vom Hirten und der Suche nach dem Existenzpunkt.
Die Kamera lässt ihre Aufmerksamkeit gleiten über die Halligen, zum Meer, zum Himmel, in den Innenräumen, die generell keine zusätzlichen künstlichen Lichtquellen haben. Der Film schweift in die Heimat von Munir, beobachtet den Schafhirten, die Frau mit der Wolle, die das einfache Haus umgebende Steppe. Sie sucht Innenräume ab, während geredet wird, sie lässt das Off, also den Raum außerhalb der Kamera spüren und wichtig werden, wenn auch nur durch den Ton.
Der Film sei im Wettbewerb der Berlinale gelaufen; der kann in so einem hektischen Festivalbetrieb aber nur untergehen. Es ist ein Film, den man nicht so schnell mal sichten kann. Man muss sich diesem Film hingeben. Es ist ein Film von Zeitlosigkeit und Existenzphilosophie. Er fragt, was den Menschen ausmacht und liebt das Gleichnishafte. Er ist Poesie gewordenes Kino, lässt sich aber auch faszinieren von den Naturgewalten einer Sturmflut, von der Trinkfreudigkeit der Halligenbewohner in der Wirtschaft, von Ringkämpfen der Männer. Die Tonspur verstärkt den hochkünstlerischen Eindruck noch. Der Film versucht, einen Referenzpunkt zu finden zwischen Realität und Imagination.