Exzesse der Dekadenz auf den Schaumkrönchen des Irrsinns
Mit dem Irrsinn ist der politische Rahmen dieses Filmes von Nadav Lapid (Synonymes) abgesteckt: der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 einerseits und die Vergeltung Israels in Gaza, mittlerweile über zwei Jahre lang, der Begriff des Genozids wird immer öfter damit in Zusammenhang verwendet, andererseits.
Mit dem Schaumkrönchen auf diesen zwei Irrsinnen ist die sorglose Society in Tel Aviv gemeint, die feiert, als gebe es kein Morgen, die nicht genug bekommt von Dekadenz, als ob sie mit Salo von Paolo Pasolini wetteifere. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan oder vielleicht auch auf der Titanic, die Nadav Lapid im ersten Kapitel seines Filmes extensiv, gleichzeitig schrill und plakativ schildert.
Mittendrin ist der Pianist Y. (Ariel Bronz) mit dem blond gefärbten, kurzen Haar. Er ist mehr als nur Pianist, ein Entertainer, der auch mal mit einer Gans auf der Schulter auftritt. Der gibt mit Yasmin (Efrat Dor) ein strahlendes ViP-Paar ab. Sie haben ein Baby. Sie leben so gedankenlos wie die Gesellschaft um sie herum.
Die eingestreuten News vom 7. Oktober oder aus Palästina wirken eher wie würzende Beilagen. Sorgen macht sich keiner. Den ganz großen Erfolg scheint das Entertainerpaar nicht zu haben. Sie arbeitet in einem Gym und kämpft dort um das ihr zustehende Geld. Er ist auf der Suche nach einem Durchbruchshit. Schon in diesem Teil fällt ihm ein nationalistisch-israelischer Text in die Hände, der zur Vernichtung der Palästinenser aufruft.
Dass mit dem Paar nicht alles zum Besten steht, offenbart der Film im zweiten Teil. Dieser schickt Y. in die Wüste. Erst entspannt er in einem Spa am Toten Meer. Er trifft auf Leah (Naama Preis). Die hat er jahrelang nicht gesehen. Man verbringt einige Zeit zusammen.
Überraschend für den Zuschauer kommt an den Tag, dass sie seine große Liebe gewesen ist; eine solche würde man ihm nach seiner bisherigen Performance gar nicht zutrauen und vor allem: diese Liebe scheint immer noch zu glühen. Dadurch, dass sie vollkommen unvorbereitet in den Film eingeführt wird, wirkt sie klischeehaft und auch, wie sie wieder auflebt.
Aber der Film hat anderes mit Leah vor: er setzt sie dafür ein, ausgiebig die Grausamkeit des 7. Oktobers zu schildern. Der Film versucht aber alle Seiten zufriedenzustellen. Er weist in Dialogen immer wieder auf den problematischen Einsatz des Militärs in Gaza hin, er bringt Berichte über vernichtende, israelische Aktionen oder er lässt eine Yasmin ihrem Kind wünschen, dass es nie zur Armee gehen werde und in Europa aufwachse.
Somit wird der Film zum Spiegel einer tiefen Verunsicherung in Israel selbst über seinen jetzigen Zustand. Dazu passt, dass Y. sich zusehends als schwacher, opportunistischer Charakter herausschält.
Einen kunstgeschichtlichen Hinweis hat der Film parat mit dem Zitat von Georg Grosz und seiner Karikatur „Die Säulen der Gesellschaft“ – dort geht es um das Nachkriegs-Deutschland.
Es ist ein Film, der von einer durchgeschüttelten Gesellschaft erzählt; der vielleicht versucht, überhaupt sich klar zu machen, was abgeht in diesem Land, ohne eingreifen zu wollen, ohne ein Agit-Prop-Film sein zu wollen; ein Stück weit sicher selbstkritisch, was die feine Gesellschaft angeht, aber eben nicht nur.
Der Film selbst scheint in einer ihm kritisch erscheinenden Situation zu versuchen, die Balance zu halten. Das dürfte kein Vorteil für seine Rezeption außerhalb des Krisengebietes sein, außer vielleicht für Leute, die ein spezielles Interesse an der Region haben und wie sie versucht, sich selbst darzustellen. Wobei auch hier möglicherweise nicht außer Acht gelassen wurde, wie die vielfältigen Koproduzenten aus Europa das Land gerne sehen möchten; aber auch Israel muss ja als Produktionsland eingebunden sein und einverstanden mit seiner Darstellung.