Aus dem Anspann
„In diesem Film werden nationalsozialistisches Vokabular, diskrimierende Sprache und Bilder zitiert und wiedergegeben.
Die Autorin und der Autor haben sich dafür entschieden, um Zusammenhänge zwischen Sprache, Bildern und Handlungen deutlich zu machen.“
„Gibt es die deutsche Erinnerungskultur überhaupt? Denn dazu hätten ja die Großeletern mit den Kindern und Enkeln wieder und weiter reden müssen.“ (Michael Friedmann, 1. Februar 2024)
„Für diesen Film wurden 11 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Zeit aus dem damaligen Deutschland befragt.
Viele von ihnen hatten Jahrzehnte lang nicht über diese Zeit gesprochen.“
Mitgegangen
Deutsches Kleinbürgertum im Dritten Reich. Menschen aus Lehrer- und Beamtenverhältnissen, Menschen aus dem Gewerbe- und Händlerbereich, Menschen, die im Alter in angenehmen, wohlsortierten Umgebungen leben, die Bücher haben, Bilder an den Wänden, kleine Skulpturen vielleicht; Menschen mit kulturellem und intellektuellem Anspruch: intellektuelles Kleinbürgertum vielleicht, Menschen ab etwa Jahrgang 1923 bis in die mittleren 30er, die das Nazitum als Kinder und Jugendliche, später auch als Soldaten erlebt haben, aber auch Menschen, die auf der diskriminierten Seite standen, die haben die hochinteressierten und hochmotivierten Dokumentarfilmer Patricia Hector und Lothar Herzog ausfindig gemacht und dazu gebracht, über Dinge zu reden, über die sie teils überhaupt noch nie geredet haben, was somit, wie der Titel sagt, Ungesagtes an den Tag oder auf die Leinwand bringen.
Ein eminent wichtiger Beitrag und ein Schritt nach vorn in der unendlichen Geschichte der Holocaustaufarbeitungsindustrie, ein herausragender Beitrag und einer, der durch manche aktuelle Entwicklungen brisant wird.
Ein Film, der klug durchdacht ist, der sich ein thematisches, nicht verkopftes Gerüst zurecht gelegt hat und die Interviewstrecke entsprechend präsentiert.
Die Kapitel fangen mit der anfänglichen Begeisterung für das Nazitaum an, gerade auch über die Jugendbewegungen, fährt mit dem immer penetranter betriebenen Antisemitismus fort, geht über zum Krieg, bespricht das Schweigen nachher, teils bis heute, und knüpft an das Erbe an, wie es heute noch rumort.
Ganz nebenbei findet der Film einen noch heute glorifizierten SS-Typen, der selbst Kriegsverbrechen begangen hat, laut hier sprechenden Zeugen, nach dem aber noch eine Kaserne benannt ist und der in der jungen Bundesrepublik unter Adenauer zum geachteten Minister aufgestiegen ist.
Das Doku-Team hat exzellente Protagonisten gefunden, Menschen, die sich ausdrücken können. Es hat offenbar auch das Vertrauen zu ihnen aufgebaut, dass sie sich getraut haben, Dinge auszusprechen, die sie so noch nicht erzählt haben, Männer, die im Nahkampf einen anderen erschossen haben oder die auf Befehl eine standrechtliche Erschießung vorgenommen haben; anderes, vielleicht noch krasseres, wird angedeutet.
Es ist eine Dokumentation, die vielleicht dem Begriff der Banalität des Bösen eine neue, höchst differenzierte Farbe verleiht. Es sind Menschen, die mitgelaufen sind, die mitgemacht haben, die aber aufgrund der Umstände auch keine Möglichkeit gesehen haben, anders zu handeln. Insofern ist die moralische Frage nach der Reue, eine Frage, die kaum reumütig bejaht wird.