Schule des Schreibens
Mit fünf Jahren fährt Dali mit ihrem Vater über das Land. Er hält vor einem entzückenden Häuschen an. Er ist Autor und will darüber ein Buch schreiben. Es soll ein dickes Buch werden, 800 Seiten. Es wird nie fertig werden. Papa, der Autor, stirbt vorher.
Sieben Jahre nach dem Zwischenhalt vor dem Häuschen, bei dem Papa eifrig Notizen macht, Dalia ist jetzt 12, fühlt sie sich zum tabuisierten Schreibzimmer des Vaters hingezogen. Alles ist mit Tüchern abgedeckt. Das rote Buch ist es, was sie interessiert, das unfertige Buch. Auch die Bibliothek am Ort entdeckt sie.
Hier beginnt der Hauptteil des Animationsfilmes von David Bisbano. Er wird für Dalia eine Schule des Schreibens. Sie wird gnadenlos in die Welt der Bücher und des Schreibens hineingezogen. Sie will Vaters Buch fertig schreiben und sie will selber eines schreiben.
Die Welt der Bücher ist eine der idyllischen, ja spießigen Welt ihres Zuhauses radikal entgegengesetzte Welt. Es ist eine Welt der Auseinandersetzungen, des Streits um das Buch, der Machtkämpfe, aber auch der wilden Möglichkeiten, durch den Raum zu fliegen, durch eine Megastadt sich zu bewegen, des Entstehens und des Auseinanderfallens. Diese Welt wird bedroht von Zobrek. Aber Dalia zur Seite steht die Ziege. Diese und andere sind stilisiert, schablonenhaft entwickelte Figuren.
Dalia macht die Erfahrung, dass Geschriebenes Realität werden kann, aber auch, dass es Leser braucht, um Realität zu werden. Sie lernt das berühmte Problem des leeren Blattes kennen. Sie selbst erlebt Frust, wenn sie am Computer anfängt zu schreiben und die ersten Sätze immer wieder verwirft, ausdruckt, zerknüllt und in den Papierkorb schmeißt.
In so einem Moment ist sie in ihrem realen Zimmer zuhause. Aber gleich ist sie wieder in der Welt der Literatur, der Texte, einem wilden Sammelsurium, chaotisch direkt, aus bekannten Versatzstücken, Ideen, Sujets mit Ungeheuern wie mittelalterlichen Wasserspeiern, mit einem Turm von Türen, die nicht aufgehen, durch die sie aber gehen soll.
Das erinnert die frühe Szene mit dem mit einem Schloss gesicherten Buch. Sie erlebt anfangs gesichtslose Figuren mit Säcken anstelle eines Gesichtes, die aussehen wie Mönche ohne Gesicht, wie Kuklux-Clan-Figuren. Die möchten sich des Buches bemächtigen. Sie sollen ein Gesicht bekommen. Das bekommen sie durch das Schreiben.
Wege zur Schöpfung ist ein Thema. Dalia findet sich in einer eklektischen Animationswelt wieder. Sie muss ihren eigenen Stil entwickeln. Der Film wird eine Lösung finden, den labyrinthischen Weg des Schreibprozesses von Dalia zu einem glücklichen Abschluss zu führen.