The Mastermind

Kunstdiebstahl in Framingham

4 Werke von Arthur Dove, einem der ersten abstrakten Maler der USA, werden anno 1972 aus dem Klinkerbau des Kunstmuseums in Framingham am helllichten Tage geklaut.

Der Zuschauer dieses in bester American-Independant-Kinomanier gedrehten Filmes von Kelly Reichardt weiß mehr. Er erlebt die minutiösen Vorbereitungen von Mastermind James (Josh O‘ Connor). James ist ein biederer, oder vielleicht doch nicht ganz so biederer, amerikanischer Mittelstandsbürger, verheiratet mit Terri (Alana Haim), zwei muntere Buben. Sein Vater ist der ehrenwerte Richter Bill Mooney (Bill Camp). Seine Mutter Sarah (Hope Davis) hat mehr Verständnis für seine nicht ganz solide Existenz als Tischler, der es nicht schafft, sich im Wettbewerb zu behaupten, obwohl er sich mit seinem Handwerk nicht zu verstecken braucht.

Die Regisseurin führt James als Kunstbetrachter ein, der in dem Provinzmuseum in einem der Ausstellungssäle steht und ruhig Kunstwerke betrachtet. Der Betrieb im Museum ist schläfrig, der Wärter noch mehr. So ist man schon mal fasziniert und interessiert am Hauptcharakter. Was will er? Was geht in ihm vor? Ah, das sind seine zwei Buben, die rumtoben.

Es gibt andere, prima ausgewählte und eingesetzte Museumsbesucher. James handelt mit Bedacht; er wird gezeigt, wie er mit wenig Initiativen die Sicherheitsvorkehrungen testet. Nun baut der Film Spannung auf, indem er beschreibt, wie James den Diebstahl von vier Werken von Arthur Dove generalstabsmäßig plant, wie er Komplizen anheuert, wie er von seiner Frau Kopfkissen zusammennähen lässt, unter dem Vorwand, es gehe um den Transport von kostbarem Holz, wie sich bei der Realisierung lauter unvorhersehbare Hindernisse in den Weg stellen, schönes Ganovenkino.

Weil der Protagonist so sympathisch ist, so ein kindliches Lächeln hat, so einen versonnen Blick, ist man ganz auf seiner Seite und wünscht ihm insgeheim gutes Gelingen. Bis auf ein paar ziemlich essentielle Details funktioniert der Plan auch. Aber nur so, dass aus dem Ganovenmovie ein Roadmovie der Flucht wird von dem Moment an, wie das Bild von James im Zusammenhang mit dem Kunstraub in allen Zeitungen zu sehen ist.

Es ist ein Film, der richtiggehend betört mit seinem Faible für das Cineastische, für das, was das American-Independent-Kino immer so attraktiv gemacht hat. Allein wie die direkt erotisch designten Limousinen ins Bild gerückt werden von einer angetörnten Kamera, von außen, von innen, in Details.

Wie die Kostüme punktgenau ausgewählt werden, Maude (Gaby Hoffmann) beispielsweise, wenn sie James, der bei ihr und ihrem Freund oder Mann Fred (John Magaro) Zuflucht gesucht hat, vor der Haustür stehend verabschiedet. Stimmig in dem Sinne, dass eine hohe kinematographische Glaubwürdigkeit dadurch erzeugt wird. So ist es mit der Auswahl der Schauspieler, ihrem Spiel. Und so ist es mit der Tonspur, die man direkt als ein erstklassiges Jazzkonzert verstehen kann, das nicht dem Stoff aufoktroyiert ist, oder diesen zu beeinflussen versucht, sondern das sich durch das Material zum Improvisieren angestachelt fühlt.

Der Wermutstropfen, der die Reichweite des Filmes doch deutlich eingrenzen dürfte, ist – einmal mehr – die Story. So richtig zwingend scheint – bei aller Sympathie – der Charakter von James nicht durchdacht, scheint die Story nicht durchdacht. Weshalb er genau den Diebstahl beginnt, ob wirklich aus Geldnot, oder doch wegen einer offenen Rechnung mit einem Professor aus dem Studium. Ob so ein Typ wirklich so plump einer alten Dame die Tasche raubt – bei aller Notlage, in der er sich befindet, ob so ein Charakter sich nicht was anderes einfallen lassen würde.

Es ist die Liebe zum Kino, die überspringt, die Begeisterung dafür, wie kinematographisch erzählt werden kann. Eine Zeitangabe findet sich im Abspann mit dem Hinweis auf Nachrichtenfootage von 1972. Die Szene, wie er in einem Hotel sitzt und an einer Passfälschung rumwerkelt, erinnert nicht von ungefähr an eine der ersten Szenen, wenn ich mich recht erinnere, von Apokalypse Now; just da kommen im TV Kambodscha-News.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert