Briefe aus der Wilcza

Wolfsstraße

wäre vielleicht der zutreffendere, deutsche Titel dieses Dokumentarfilmes von Arjun Talwar. Es ist die Straße in Warschau, in der er seit Jahren wohnt. Der Name hat nicht direkt mit dem wilden Tier zu tun, sondern bezieht sich auf einen Familiennamen.

Der Filmemacher hat sich vor Jahren entschieden, mit seinem Freund Andi fürs Film-Studium aus Indien nach Polen zu ziehen. Jetzt, nach dem Tod des Freundes, hat er beschlossen, einen Film über die Straße zu machen, in der er wohnt.

Es ist ein vielschichtiger Film geworden, mehr als nur ein Porträt über eine moderne, europäische Großstadtstraße. Es ist ein Stück Selbstvergewisserung des Autors. In dem Zusammenhang hätte man gerne mehr über die Hintergründe seiner Herkunft aus Indien erfahren. Was will er in einem Land, dessen Sprache er spricht, wo er ein Fremder ist und von Rechtsradikalen verprügelt wird?

Das ist das Thema, das sich in dem Film als das aktuellste, das brandaktuelle und weit über Polen hinaus gültige Thema erweist, das der Migration, der Immigration, das des Umganges mit den Fremden oder auch das der Integration.

Davon erzählen Beispiele. Oskar, der Roma, die schon seit Jahrhunderten in Polen leben, aber immer noch als Fremde gelten, die im Holocaust verfolgt worden sind. Es sind rumänische Straßenmusiker, die im Sommer für ein paar Monate in den Hinterhöfen spielen. Hier kommt das Thema Veränderung ins Spiel, das Arjun Talwar zwar des öfteren anspricht, das aber nicht das augenfälligste ist, obwohl er sogar einen Dokumentarfilm aus den 70ern und dessen Regisseur ausfindig macht. Dieser ist sich gar nicht so sicher, ob die Menschen früher hier einen vertrauteren, familiäreren Umgang hatten. Die Straßenmusiker stellen fest, dass inzwischen immer mehr Hinterhöfe abgesperrt sind.

Eine Inszenierung bringt seine Exkommilitonin Mo aus Japan als Tonfrau zu seiner Mannschaft. Sie stammt aus China und muss schauen, wie sie als Filmfrau in Polen über die Runden kommt. Zum Themenkreis Immigration gehört auch Feras, Flüchtling aus Syrien, der gerade die polnische Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Zum polnischen Kolorit trägt eine Kioskbetreiberin bei, der Briefträger Piotr (das kennen wir schon gar nicht mehr, ein Postbote, der noch mit den Bewohnern und den lokalen Gegebenheiten vertraut ist), der Hausmeister, eine Frisöse.

Der Film beginnt mit einer Reminiszenz an Hitchcock, der Regisseur filmt die Nachbarin auf dem Balkon gegenüber, ein Fenster zwar nicht zum Hof, aber nach Gegenüber. Eine Idee, die kürzlich schon in französischen Film Balconettes reizvoll eingesetzt worden ist.

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