Hamburger Gewächse
Bei Fatih Akin hat mich verwundert und fasziniert, wie er von Anfang an alle ein bis zwei Jahre einen Film machen konnte. Das ist für Deutschland und seine Förderstrukturen ungewöhnlich. Erklärt habe ich mir das damit, dass Hamburg ein übersichtlicher Fördertümpel sei und dass Akin die Rolle des Zuwanderers verkörperte, der sich mit den entsprechenden Themen beschäftigte.
Der Film Amrum und das Presseheft dazu machen das jetzt verständlich. Gleich auf mehrfache Weise. Es wird klar, dass hinter der Entwicklung als wohl maßgebliche Figur in Hamburg Hark Bohm gestanden haben dürfte. Der wiederum kennt, das erzählt der Film, als Bub die Situation des Außenseiters, auf der Insel Amrum wird er als Binnenflüchtling aus Hamburg von den anderen Kindern als Pimpf geschimpft.
Mit seinem Kurzfilm „Getürkt“ ist Fatih Akin bei den Nachwuchsleoparden in Locarno aufgefallen. Das war noch in den späten 90ern des letzten Jahrhunderts. Zu dem Festival damals ist er mit einem Schwung junger deutsche Filmemacher eingeladen worden (Kategorie: „Leoparden von morgen“). Es wäre interessant zu recherchieren, was aus den anderen, damals vielversprechenden Talenten inzwischen geworden ist. Sein Kurzfilm handelt von der Oma in der Türkei, die er mit einem Kumpel besucht und auf deren Balkon sie Hasch anpflanzen. Damit ist Fatih Akin als ein gefühlvoller, warmherziger und auch humorvoller, nicht verkopfter, Geschichten erzählender Filmmensch aufgefallen, gerade auch innerhalb der deutschen Nachwuchsgruppe.
Fortan konnte er einen Film nach dem anderen machen. Hamburg hat es ermöglicht.
Wobei sich der Hamburger Film (oder wie er mir immer wieder aufgefallen ist, so es ihn denn generell gibt) oft durch eine gewisse stoisch-hanseatische Humanität auszeichnet, das dürfte der Fußabdruck des Hark Bohm gewesen sein. Zeit also für Fatih Akin, seinem Mentor und Freund, ein Andenken zu setzen. Es wäre eigentlich der Film des Hark Bohm gewesen, stark autobiographisch. Aber ihm fehlte altersgeschwächt die Kraft dazu. Insofern hat der Autorenfilmer Akin eine Ausnahme gemacht, ist über das Drehbuch gegangen, hat es gekürzt, hat es zu seinem und Harks Film gemacht.
Es ist das Bildnis eines Idealisten geworden.
Für die Mutter (Laura Tonke) tut der Junge Nanning (Jasper Billerbeck) alles. Es geht ihr nicht gut. Das einzige, wovon sie träumt, ist ein Weißbrot mit Butter und Honig. Das ist auf Amrum zu diesem Zeitpunkt kurz vor Kriegsende 1945 ein Ding der Unmöglichkeit. Es mangelt an allem. Aber es ist Charakteristikum des Idealisten, das Unmögliche möglich zu machen.
Nanning setzt alle seine Kräfte ein, um an die Zutaten zur Herstellung eines Weißbrotes zu gelangen. Und dann auch an Butter und Honig. Das können Arbeitseinsätze sein, gewagte Fahrten mit dem Fahrrad bei steigender Flut zu einem anderen Gehöft, Kaninchen nicht nur jagen, sondern auch gegen jede Ekelempfindung ausnehmen; Dinge für einen Tauschhandel beschaffen, gar etwas von einem Toten klauen.
Es ist das Selbstporträt des Hamburger Filmemachers Hark Bohm als eines Buben von vielleicht zehn Jahren an der Schwelle des Coming-of-Age. Es ist nicht nur schönes, deutsches Erzählkino geworden, es in auch ein Bewunderungs-, ein Dankesmovie an einen verständnisvollen Menschen und Mentor.
Es scheint, dass Hark Bohms Intention und Sicht der Dinge glasklar herausgearbeitet sind: das Wesen des Idealisten, eines Menschen, der alles tut, um etwas zu erreichen. Was schwerer wiegt: ein Idealist muss damit rechnen, dass seine Bemühungen ins Leere gehen. Insofern trägt der Film auch die Essenz einer tragischen Komponente in sich. Er lässt aber nicht den geringsten Zweifel an der Richtigkeit des Handelns des Jungen aufkommen und damit an der idealistischen Grundhaltung.
Nanning muss ja nicht nur mit den Widrigkeiten der Zeit- und Notlage, den Widrigkeiten der Natur zurechtkommen; er hat als Pimpf, als als einer der nicht auf der Insel, sondern in Hamburg aufgewachsen ist, auch noch Außenseiterstatus. Trotzdem weckt er in seinem Inselfreund Hermann (Kian Köppke) das Interesse am Lesen mit einer gebunden Ausgabe von Moby Dick. Er muss sich auch mit größeren Kids auseinandersetzen, die ihm seine Kostbarkeiten streitig machen.
Alle erleben sie, wie die Bomber über die Insel fliegen. Nanning selbst entdeckt einen angeschwemmten toten Soldaten. Die Nazizeit taucht in verschiedenen Haltungen auf, die der unverbesserlichen und die der wendigeren Varianten von Verstrickungen.
Diane Kruger legt als Inselbäuerin, die ihren Mann stellen muss, einen fabelhaften Auftritt hin, die Öömrang spricht und Matthias Schweighöfer ist der Film eine Erscheinung als ephemere Traumgestalt wert.
Akins spröde Art der Inszenierung erinnert in manchen Momenten an Fassbinder. Mit Maske, Kostümen und Ausstattung ist behutsam mit dem Historischen umgegangen worden, mit der Schminke und den Frisuren, die konsequent das Schmale in den Gesichtern betonen, sind die heutigen Wohlstandsdarsteller in die Mangelzeit von 45 zurückversetzt worden. Dies und eine relativ konservative Kinematographie rücken den Film aber auch in die Nähe eines Museumsstücks. Die Insel selbst und das Wattenmeer tragen ihr Teil zur Leinwandstärke des Werkes bei. Die Quintessenz ‚Hark Bohm‘ ist astrein herausgearbeitet, die das Hamburger Filmschaffen der letzten Jahrzehnte mitgeprägt hat.