Welcher Feminismus?
Der Film von Emma Benestan, die mit Julie Debiton auch das Drehbuch geschrieben hat, und dessen Produktionsländer laut IMDb Frankreich, Belgien und Saudi-Arabien sind, lässt offen, welche feministische Position er bezieht.
Er setzt eine junge Frau ins Zentrum, Nejma Chokri (Oulaya Amamra). Sie ist in einer rauen Männerwelt zugange, in der Welt der Stierzüchter in der Provence in Frankreich. Sie will beim Stierkampf mitmachen. Der ist in Südfrankreich nicht so blutig wie in Spanien. Hier geht es darum, dem Stier eine Kokarde, die an dessen Hörnern befestigt ist, zu entreißen. Jeder geglückte Griff wird mit einem variablen Geldpreis, beispielsweise 20 Euro oder 120 Euro vergütet. Es ist die Rede von den Ferraden.
Nejma hat ihren Lieblingsstier Tonnère. Der Film ist voll mit großartigen Bildern aus der Camargue, den Stieren, mit atemloser Kamera ist er dabei, bei Kämpfen, in der Garderobe der Kämpfer, beim Einbrennen von Markierungen. Einer der Kämpfer, Tony (Damien Rebattel), ist der beste Freund von Nejma. Er ist mit dem Arthur (Pierre Roux) verbandelt. Anfänglich denkt man, das könnte eine fiktionale Variante des Filmes Gaucho, Gaucho sein, eine Frau unter lauter Männer, dort beim Rodeo in Argentinien, hier im Stierkampf in Südfrankreich.
Aber der Film versagt sich dieser Art von Feminismus, der eine Volte dafür einlegt, Frauen in angestammten Männerberufen zu legitimieren. Es ist ein Film, der durchaus Genuss an Ekligem Zeit. Darin erinnert er an The Ugly Stepsister. Das zeigt er nicht nur genussvoll mit den Eingeweiden eines verstorbenen Stiers, auch eine Verwundung, die von Hand genäht wird an ihrem Arm oder später, wenn es zu geheimnissvollen Todesfällen durch Stiere kommt, in der Darstellung der übel zugerichteten Leichen, da schöpft der Film aus dem Trash-Can.
Aber es ist auch ein Feminismus, der für Frauen das zulässt, was der Volksmund sagt, dass in jedem Menschen ein Tier stecke. Der Film zeigt schon mit seinen ersten Bildern eine Lust am Aufregenden, Bedrohlichen von Tier- und Menschenwelt. Er lässt aber auch Fragen offen. Warum Nejma keinen Arzt haben will. Ohne viel spoilern zu wollen, stellt sich nach einer Vergewaltigug, drängt sich die Vermutung auf, dass die Regisseurin eher einen Revenge-Film im Sinne hatte. Diese verschiedenen Einstellungen ergeben für die Rezeption eine gewisse zumindest erschwerende Dissonanz, wenn nicht gar den Eindruck eines gewissen Feminismus-Gefühls-Puddings.