Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes

Das Emu Fritz
und die Monadenverkostung

Das Emu will in seiner ersten Szene nicht so recht, als ob es sich überlege, ob es in diesem Film von Edgar Reitz in Co-Regie von Anatol Schuster nach dem Drehbuch von Gert Heidenreich und Edgar Reitz überhaupt mitmachen wolle. Es fängt erst auf Druck seines Begleiters – oder Tiercoaches – an, sich im Schlosspark zu bewegen. Zu dem Zeitpunkt weiß man von der Chronik, die der Film laut Titel sein will, dass wir das Jahr 1704 schreiben, nicht aber, dass das Emu Fritz heißt.

Überhaupt ist hier noch nicht klar, welche Bewandtnis es mit diesem Vogel hat. Erst ganz spät wird er, wie er in das zum Atelier umgewidmeten Botanik-Haus seinen langen Hals hineinstreckt, Anlass geben für einen Satz von Leibniz (Edgar Selge). Manche kurze Sätze brauchen eine lange Herleitung. Warum aber heißt das Tier Fritz? Der alte Fritz war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht geboren. Vielleicht ein berühmter Filmkritiker vornamens Fritz? Da spukt so einiges im Kopf rum, erst recht wenn dieser Fritz zusammengesunken vor einem in der PV sitzt, mit dem Kopf ehrfürchtig gegen die Leinwand gewandt. Was der wohl von diesem Film denken wird?

Gottfried Wilhelm Leibniz war ein Universalgelehrter, seiner Welt weit voraus, berühmt wurde er für seine Monadologie und für den Satz, dass dies die beste aller möglichen Welten sei, den Voltaire in Candide kritisch ventilierte, er sei ein Optimist. Eigentlich drängt es sich direkt auf in Zeiten aufkommender KI, sich des Universalismus und der Universalgelehrten zu besinnen und sich zu fragen, wie die mit ihrem Wissen umgegangen sind – allerdings bleibt der Film in dieser Hinsicht erstaunlich stumm, erstaunlich retro. Er begnügt sich – das erinnert an eine Verkostung von Touristen auf dem Viktualienmarkt – mit der Präsentation einer Auswahl von Häppchen seines Wissens und seiner Monadenlehre im Sinne eines Probier- oder Naschbüffets, geschweige denn, dass er sich für die Genese der Monadenlehre interessierte.

Ist der Film nun wiederum unserer Zeit voraus, wegweisend für ein Kino der Zukunft? Was meint das Emu Fritz dazu? Eher nicht, scheint es zu sagen.

Der Film greift auf ein altes (Fast)Quadratformat des Bildes zurück, tut so, als sei die Kamera ein schwer zu tragendes Gerät, das man wie mit Schrauben im Boden befestigen muss und das überwiegend nur für enge Bildausschnitte geeignet ist.

Zweifellos steckt im Drehbuch viel Leibniz drin; das muss die drei im Abspann genannten, mitfinanzierenden Fernsehredakteure überzeugt haben. Es ist viel von Monaden die Rede. Auch technische Erfindungen von ihm wie eine frühe Rechenmaschine oder ein Klappstuhl sind liebevoll und museumslike in die Bildstrecke eingebracht.

Mit den Kostümen wird es schwieriger. Müssen die, weil sie vermutlich eigens für den Film angefertigt worden sind, so prominent ins Bild gesetzt werden? Wenn schon wäre ein Coach für das Tragen der Roben und Klamotten hilfreich gewesen, ebenso für die höfischen Verbeugungsrituale, bei denen nie sicher ist, ob sich die Akteure gerade lustig machen darüber.

Muss die Gicht in den Fingern von Leibniz so ausgestellt ins Bild gesetzt werden? Was denkt sich das Emu Fritz, wenn Leibdiener Cantor (Michael Kranz) (heißt er nun Liebfried oder Siegfried: auch ein Aussprachecoach wäre nicht nur ihm zu wünschen gewesen in dem generell eher nachlässigen Umgang mit der Sprache), kabarettistisch und offenbar miserabel eingeübt, eine Hofszene aus Wien nachspielt.

Mit den Schauspielern ist das so eine Sache hier. Sind die Rollen einmal mehr nach dem Gunstprinzip öffentlich-rechtlicher Redakteure vergeben worden oder gab es einen harten Wettbewerb um die Besetzungen?

Lars Eidinger verbreitet als der erste Maler, der von Sophie von Hannover (Barbara Sukowa) mit dem Porträt des Gelehrten beauftragt wird, Filmflair. Was meint das Emu Fritz dazu? Leibniz wirkt wie eine wenig nachvollziehbare Museumsfigur, die Leibnizzitate absondert. Unbefriedigend ist auch die Szene, in der es heißt, er hätte seinen Ausdruck geändert. Nichts hat sich geändert, da ist das Kino gnadenlos, außer, dass er die Gesichtsmuskulatur zu einem Lächeln verzieht.

Oh, es hapert hier an allen Ecken und Enden, denkt sich vielleicht das Emu, aber laut würde es das nie sagen. Cantor benutzt sein gewiss historisch präzise nachgebautes Notizmaterial, als ob er es gerade erst kennengelernt hat (Pfusch im Handwerk, das die bestimmt anständige Gage nicht wert ist). Auch wird unklar, ob er eine Kurzschrift benutzt; immerhin gab es so etwas damals schon; aber das müsste klargestellt werden, sonst bleibt der Zuschauer bei dem nicht eindeutig definierten Schreibvorgang hängen, nö, so viel Text, das kann er unmöglich alles erfassen; aber nach Kurzschrift sieht es auch nicht aus.

Eine kurze, aber arg verkürzte, Reminiszenz gibt es hinsichtlich Präsentation des Funktionierens der höfischen Befehlskette an Lola Montez von Max Ophüls „Nadel und Faden“ mit einem Brief, der von einem reitenden Boten gebracht wird. Man sieht es dem Film leider an allen Ecken und Enden an, dass gespart werden musste im Vergleich zur sicher großen Ambition. Der echte Leibniz hätte sicher eine raffiniertere Lösung gefunden; dieser Leibniz eher nicht.

Das Emu, bei weitem die interessanteste Figur in diesem Spiel, das mittemang dabei ist, ganz scharf beobachtet, rumäugt, und irgendwie doch außerhalb steht (siehe PostScriptum), aus welchen Gründen auch immer, das nicht unbedingt zu zähmen ist und sicher nicht berechenbar, Fritz eben.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, einen Film über Leibniz zu machen und auch die Idee, über die Anfertigung eines Porträts die philosophische Hintertreppe à la Weischedel zu benutzen, ist durchaus brauchbar (der Porträtauftrag von Herzogin Sophie von Hannover scheint historisch belegt). Dank dem Drehbuch ist genügend Philosophisches drin rund um die Monadenlehre. Speziell zur Präsentation seiner technischen Erfindungen dürfte außer einem Museum, das Medium Film erstklassig geeignet sein.

PostScript: ich habe die KI ‚le Chat‘ gefragt, ob ihr/ihm ein Zusammenhang zwischen dem Philosophen Leibniz und einem Emu bekannt sei, hier aus der Antwort: „Kuriosität: In der Popkultur oder in humorvollen Kontexten wird manchmal ein Bezug zwischen Leibniz und Emus hergestellt, etwa in Wortspielen oder als absurde Assoziation. Ein bekanntes Beispiel ist der „Leibniz-Emu-Effekt“, ein Scherzbegriff, der in einigen Internetforen oder Memes auftaucht, um eine völlig willkürliche Verbindung zwischen zwei scheinbar unzusammenhängenden Dingen zu beschreiben.“

Und noch ein sachdienlicher Hinweis von Le Chat: „2. Keine Erwähnung in Leibniz’ Werken. Leibniz schrieb ausführlich über Metaphysik, Mathematik, Theologie und Naturwissenschaften, aber es gibt keine Hinweise, dass er jemals von Emus wusste oder sie erwähnte.
Emus waren zu seiner Zeit in Europa schlicht unbekannt. 3. Wissenschaftliche Klassifikation Der Emu wurde erst 1790 wissenschaftlich beschrieben – fast 80 Jahre nach Leibniz’ Tod.“

Der echte Leibniz würde bestimmt auch folgenden Satz unterschrieben haben:

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieser gigantische, öffentlich-rechtliche Rundfunk sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

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