Realitätsverlust
Ein gar nicht so seltenes Phänomen: die postnatale Depression, die Mütter nach einer Geburt erleiden können.
Dieses Themas hat sich Johanna Moder (Waren einmal Revoluzzer), die mit Arne Kohlweyer auch das Drehbuch geschrieben hat, angenommen.
Wiener Luxusmileu, teures Loft. Das Ehepaar Julia und Georg, die wunderbaren Schauspieler Marie Leuenberger und Hans Löw, haben einen unerfüllten Kinderwunsch. Der exklusive Lebensstandard wird mit ihrem Beruf begründet. Sie ist eine erfolgreiche Dirigentin.
In der Luxusklinik von Dr. Vilfort (Claes Bang) gelingt die Insemination. Bei der Geburt treten Schwierigkeiten auf. Der Film lässt sich Zeit dafür. Schließlich kommt das Knäblein zur Welt, wird aber sofort von den Eltern separiert. Relativ lange werden sie im Dunkeln gelassen, was mit dem Kind ist. Der Zuschauer auch.
Es folgt die Entwarnung, es sei alles in Ordnung, es habe sich nur die Nabelschnur um den Hals gelegt und zu einem Sauerstoffmangel geführt, ohne weitere Schäden.
Die Mutter fremdelt. Wie skeptisch sie ihr Kind zum ersten Mal betrachtet, wie sie kaum sich traut, es zu berühren, wie sie sich mit dem Stillen schwer tut. Überhaupt scheint das frisch gebackene Elternpaar durch den Wind. Sie können sich nicht mal für einen Namen für das Baby entschließen.
Der Film schildert den Fortgang der postnatalen Depression von Julia. Er geht auf das Problem mit dem Job ein. Er zeigt auf, wie Julia zusehends Misstrauen zu Dr. Vilfort aufbaut. Wie sie der Hebamme Gerlinde (Julia Franz Richter) gegenüber, die sich noch weiter um das Kind bemüht, auf Distanz geht. Julia versinkt zusehends in einer autonomen Welt der Irrealität, die so weit geht, dass sie bereit wäre, das Kind wegzugeben. Sie will wieder arbeiten.
Der Film macht spürbar, ein wie großer Eingriff in das Leben von Eltern das plötzliche Vorhandensein eines Kindes bedeutet. Und er schreckt nicht davor zurück, im Zusammenhang der Depressions-Schilderung auf filmische Horrorelemente zurückzugreifen.
Es wird klar, wie schwierig es ist, zu einem von einer Depression befallenen Menschen einen Zugang zu finden. Aber es gibt Medikamente. Ein gewisses Magengrummel befällt mich immer, wenn Kinder, erst recht Säuglinge, im Film eingesetzt werden; hier erhält der kleine Bub ganz schön viel Leinwandpräsenz.
Keine Sorge, der „kleine Bub“ sind in Wahrheit 2 Mädels, die rundum verwöhnt und umsorgt wurden 🙂
Vielen Dank für diese Hintergrundinfo!