Alkoholiker kaufen Miracoli
und gegen die Fährnisse des Lebens hilft Kuscheln.
Das könnten zwei Grundaussagen dieses Filmes von Mai Maariel Meyer nach dem Drehbuch von Elena Hell nach dem Roman von Caroline Wahl sein. Schnell erinnert man sich an den französischen Antialkohol-Film Die guten und die besseren Tage. Dort geht es um einen Entzug.
Auch hier steht die Mutter (Laura Tonke) vor der Frage, ob ein paar Tage Ausnüchterung in der Klinik zum Loskommen vom Alkohol reichen. Sie ist die Mutter von Tilda (Luna Wedler) und der kleineren Ida (Zoe Baier).
Tilda ist bereits erwachsen, eine hochbegabte Mathematikerin; sie wird sich im Laufe des Filmes entscheiden müssen, Mutter und kleine Schwester zurückzulassen, um ein Jobangebot in Berlin anzunehmen. Das ist verlockend, jetzt arbeitet sie neben den Vorlesungen, die sie besucht, an einer Supermarktkasse. Schön langsam zieht sie die Produkte am Scan vorüber, sagt jedes Mal in Voice-Over, was es ist.
Voice-Over ist überhaupt ein Stilmittel dieses Filmes, der innere Monolog von Tilda. Die kleine Schwester geht noch zur Schule. Tilda hätte 5 Monate Zeit, um aus ihrer kleinen Schwester eine Kämpferin zu machen, die sie noch nicht ist, damit sie ruhigen Herzens die gefährdete Schrumpffamilie verlassen kann.
Es gibt eine Backgeschichte mit einem früheren Freund, der bei einer Autofahrt gestorben ist. Tilda läuft dessen älterem Bruder, dem Russen Viktor mit K (Jannis Niewöhner), über den Weg. Der Film macht schnell deutlich, dass ihn das Männchen-Weibchenspiel in der absehbarsten Form interessiert. Und so kommt es auch.
Über den Film legt die Regisseurin diese dicken Wolken von süßlichem Wohlfühlsound. Muss man alles nicht so ernst nehmen. Sie liebt Bilder, wie Menschen sich zutraulich aneinander kuscheln, das suggeriert, wie Frieden, Glück herzustellen sei.
Eine emotionale Dichte gewinnt der Film durch die magische Dardenne-Kamera, die nicht loslässt von ihrem Objekt, die immer auf der Suche nach der nächsten Nähe und dem besten Winkel und dadurch meist in Bewegung ist, um ja nichts zu verpassen. Das zahlt sich insofern aus, als die prima Darsteller und Darstellerinnen gut über das allzu holprige, allzu deutsche Drehbuch hinweglenken, das mit typischen Sätzen, ob jemand jemanden helfen soll, oder ob noch Müsli da ist, versucht, eine Fernsehrealität herzustellen.
Da kommen einem die Oslo Stories: Sehnsucht in den Sinn, mit einer Exposition, die mitten in elementare Konflikte hineinführt und die Figuren spannend präsentiert.
Immerhin ein Plus fürs deutsche Kino ist, dass eine Protagonistin konsequent ins Zentrum gestellt wird, als die Figur, der man folgt. Der Film interssiert sich für die Befindlichkeit von Tilda, müsste also unter der Kategorie Befindlichkeitsfilm subsumiert werden.