Kunstkniffe zu Kunst
Wenn man nur lange genug cineastische Kunstkniffe aneinanderreiht, dann muss wohl Kunst daraus werden – und wird es vielleicht auch, mag sich Mascha Schilinski gedacht haben und die Auswahlkommission für den Wettbewerb von Cannes hat sich erbarmt und den Film in diesen Himmel des Kinos aufgenommen. Und es hat sogar der Jury-Preis herausgeschaut.
Es geht um mehrere Generationen von Frauen in einem Vierseithof in der Altmark über den Zeitraum von etwa einem Jahrhundert.
An Robert Zemeckis Here kommt der Film allerdings nicht heran. Das liegt vielleicht daran, dass die Deutsche zuviel wollte. Zemeckis begnügt sich mit der Faszination, was über die Zeit an einem Ort, dem Wohnzimmer eines Einfamilienhauses in Amerika, so alles passiert. Das war fast nur protokollarisch. Und so schon komplex genug.
Mascha Schilinski will mehr. Es wird oft deutlich, dass sie wie versucht, das Überzeitliche zu erfassen. Dazu bedient sie sich erzähltechnisch-kinematographischer Mittel, möglicherweise zu vieler, das ist nicht nur das Verzopfen der verschiedenen Zeiten auf dem Vierseithof in der Altmark, das ist oft ein Aussteigen aus dem Erzählfluss, aus der Erzählrealität, auch akkustisch mit gesteigertem Weltumwälzsound oder dem Verstummen, das ist auf der Tonebene das Ineinanderfließen der Erzählstränge, die aus inneren Monologen verschiedener Figuren bestehen; das sind kameratechnische Spielereien, Experimentierereien, das Abschweifen der Kamera in Nebensächlichkeiten und Details.
Das sind aber auch, vor allem in der Phase, die noch bei Kerzenlicht stattfindet, demonstrative Gründlichkeit und Perfektion in der historischen Rekonstruktion der Innenräume, Maske, Licht, Kostümen. In der Phase ist auch das Drehbuch international kompatibel. Da geht es um den Tod und um das Sterben, nicht aber um das Thema Schuld wie bei Michael Hanekes „Das weiße Band“, der stilistisch entfernt an diese erste Phase des Filmes erinnert, die durch ihre strenge Komposition die deutlich stärkste ist.
In späteren Phasen in uns näherer Zeit tauchen dann plötzlich so typische Sätze aus dem deutschen Subventionskinowesen auf, das unter der Knute weisungsbgebundener Fernsehredakteure leidet, wie „Hast Du die Container schon bestellt“, „Hast Du Zuckerkuchen gemacht?“, „Das freut mich jetzt aber wirklich, dass Ihr Euch kennengelernt habt.“, „Kannst du vielleicht mal ein Einschlaflied singen?“, „Tut mir leid, es gibt leider nur noch Vanilleeis.“, die lediglich zum Behufe der Realismusbehauptung erfunden sind, nicht aber, sei es zur Charakterisierung von Figuren oder zum Vorwärtsbringen der Handlung, dazwischen dann noch wie aus einer Aphorismensammlung entnommenen Weisheiten über das Leben, das Lieben, das Sterben und den Tod.
Beim Sterbethema aus der Kerzenlichtphase des Filmes, da merkt man durchaus auf, da scheint es um etwas zu gehen. Durch diese Kunstfertigkeit mit den kinematographischen Kunstkniffen, versinkt die intendierte Erzählung, was will die Filmemacherin uns wirklich erzählen, wie hinter Milchglas, landet im Unscharf.