Die Farben der Zeit

Seerosenzauber

Wer einmal das seltene Glück gehabt hat, stundenlang im Musée de l‘ Orangerie in Paris mit den Seerosen von Claude Monet zu verbringen und diesen Kulturgenuss, diese kulturelle Tiefenentspannung nur mit wenigen anderen Besuchern teilen zu müssen, der wird sich dem Zauber dieses Filmes von Cédric Klapisch, der mit Santiago Amigorena auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht entziehen können.

Wer das Museumsvergnügen nicht hatte, der kann vielleicht durch den hier besprochenen Film eine Ahnung davon bekommen, was mit diesen Bildern los ist. Dabei spielen sie selbst eher eine Hintergrundrolle in diesem Film, bei dem Dokumentarisches ins Drehbuch eingeflossen ist, bei dem aber auch Fiktionales zum Vorteil von Storytelling und zur Erhöhung des Zaubers beitragen, denn gerade durch Künstlichkeit und Erfindung kann ein solcher entstehen.

Es ist die Natur, die durch die Kunst zu uns spricht und so uns anspricht. In dem Museum fängt der Film an. Ein Fotoshooting mit einer asiatischen Schönheit. Seb (Abraham Wapler) ist der junge Fotograf. Vor einem der Gemälde mit den Seerosen ist abgesperrt. Dahinter die Crew. Das Model hat Angst, dass ihr das Gemälde zu viel Aufmerksamkeit entziehen könnte. Dahinter ist das Museum randvoll mit Besuchern, wie es in der heutigen Zeit mit dem Massenstädte- und Flugtourismus eben so ist.

Als nächstes ist Seb bei einem Familientreffen dabei. 30 Erben eines Grundstückes sind versammelt. Ein Investor ist daran und an dem darauf stehenden Haus interessiert. Vier aus der Gruppe sollen dabei sein, wenn das Haus, das seit 1944 verschlossen und in schlechtem Zustand ist, geöffnet und begutachtet wird.

Nebst Seb ist noch dabei Céline (Julia Piaton), die etwas mit Geschäften und Zukunft zu tun hat, der Lehrer Abdel (Zinedine Soualem), der kurz vor der Pensionierung steht, und der Imker Guy (Vincent Macaigne).

Wie das Haus gewaltsam geöffnet wird und die Besichtigung beginnt, macht der Film einen Sprung aus dem Heute zurück auf das Jahr 1944, bleibt aber im Haus. Die 21-jährige Adèle (Suzanne Lindon) verlässt das Haus. Sie macht sich auf den Weg nach Paris, um dort ihre Mutter zu suchen, die sie nicht kennt. Auf dem Weg nach Paris, auf einer schönen Flussfahrt, lernt Adèle die beiden Jungs Anatole (Paul Kircher) und Lucien (Vassili Schneider) kennen, der erste Fotograf, der zweite ein Maler; die beiden sehen ihre künstlerische Zukunft in Paris.

Über den Anwalt, der ihr monatlich 100 Francs im Auftrag der Mutter in die Normandie schickt, findet Adèle diese. Es ist Odette (Sara Giraudeau). Mit ihr ist die dritte Zeitebene etabliert. Es sind Ebenen mit vibrierenden Echos und Konstellationen. Immer spielen die Künste eine Rolle. Auch die Mutter findet sich schnell im Kreise von Fotografen und Künstlern.

Die vierte Ebene ist jene der Reflexion über die anderen drei, es ist die Erkundung des geerbten, verlassenen Hauses und seiner Schätze. Hier sammeln sich die Spuren. Es sind immer auch Spuren der Kunstgeschichte, der Geschichte der Malerei, der Geschichte der Fotografie. In einer Szene findet auch die Erfindung des Kinematographen Erwähnung. Mehr Liebeserklärung an die Kunst geht nicht.

Die Liebe darf nicht fehlen in einem französischen Film, erst recht nicht, wenn es um die Kunst geht, wie neulich der Bonnard-Film gezeigt hat. Um die Liebe in allen Varianten, die unerfüllte, die ersehnte, jene gegen Bezahlung und als Bindeglied Liebesbriefe aus der guten alten Zeit; ein Problem, wenn jemand des Schreibens und Lesens nicht mächtig ist. Bei all dem bleibt noch Zeit für einen ironischen Seitenhieb auf die moderne Internetkommunikation: Die Erben treffen sich übers Internet zu einer gemeinsamen Konferenz. Einer taucht doch tatsächlich, dank eines Juxprogrammes, das er nicht abstellen kann, als Katze auf. Da fällt dann passender Weise der Begriff vom Chat-Roboter.

Das Künstlerlokal in Paris heißt: Le Rat Mort, die tote Ratte. Zwischendrin fällt einem Robert Zemeckis Here ein; auch ihn hat fasziniert, was durch die Zeit an einem Ort alles passieren kann. Oder demnächst der in Cannes prämierte deutsche Film „In die Sonne schauen“.

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