Familienbild für den Jogurthbecher
oder „Katzentöten“ oder „Frauenwirtschaft“ oder „Von der Kunst des Kastrierens“ oder „Bullenreiten“ oder „Bauernprotest“ oder „Vom Sterben der kleinen Höfe“ oder „Ein Heimatfilm aus dem Hohenlohischen“ oder „Ein Sommer auf dem Lande“ oder „Eine neckische Studie zum Landleben heute“ oder gar „Ameisenscheiße“, mit all diesen Vorschlägen und vielen mehr könnte ein Bericht über den Debütfilm von Justine Bauer von der KMH Köln vielfältig und doch jedesmal treffend übertitelt werden.
Der Film bietet ein Kaleidoskop im kinonostalgischen Quadratleinwandformat vom Leben auf einem kleinen Hof aus der Region Hohenlohe. Und das im Dialekt, was generell ein Vorteil für das Kino ist.
Es ist der Hof der zupackenden Johanna Wokalek als Mutter von drei Töchtern und einem Sohn. Tochter Katinka (Karolin Nothacker) möchte unbedingt Bäuerin werden. Die Tradition der Bauern überlässt den Hof jedoch dem ältesten Sohn Adrian (Johannes Nothacker). Wenn Katinka Bäuerin werden will, so muss sich sich einen Bauernsohn mit einem entsprechend großen Hof angeln.
Eine Schwester hat den Schulabschluss und will dafür einen Baum pflanzen. Das ist eines der Schmankerl in diesem bunten, sommerlichen Angebot. Ein Sommerfilm. Die jungen Frauen heuen nicht nur, sie melken auch, sie striegeln den kastrierten Stier Anton, sie reiten auf ihm; ihm dafür einen Strick um Hals und Kopf zu legen, ist eine diffizile Angelegenheit. Beim Reiten kann der Stier eigenwillig werden. Er sei kastriert, erzählen die jungen Frauen, dann sei so ein Stier zahmer und bringe mehr Zugkraft.
Die Frauen fahren Traktor, spalten Holz. Eine ist fasziniert von dem Gerät, wie immer es genau bezeichnet werden mag, das das Heu einsammelt und als Ballen hinter sich ausspuckt, das erinnert sie an den Gebärvorgang. Thema Kastration und Fortpflanzung. Am Hof wird nicht nur kastriert, Katzen müssen, wenn es zu viele werden, getötet werden, davon kann Oma (Lore Bauer) ein Lied singen. Stiere, Alpakas und Katzen werden kastriert. Und Sohn Adrian, der ist nicht kastriert, der hat nicht aufgepasst mit seiner Freundin. Die ist jetzt schwanger. Männer spielen nur eine periphere Rolle. Ein Nudist lässt sich auf einer Luftmatratze auf dem Kanal treiben, wo die Mädchen schwimmen wollen.
Um die kleinere und mittlere Landwirtschaft in Deutschland ist es nicht gut bestellt. Dafür steht der Nachbar mit seinen zwei Töchterchen. Der will mit Protestaktionen darauf aufmerksam machen. Aber er steht auch Modell mit den Töchterchen für das jährlich wechselnde Foto auf den Jogurth-Bechern.
Was will man mehr als einen Film, aus dem man jedes Detail weitererzählen möchte, weil er eine Sammlung aus lauter erinnerungswürdigen Bildern ist, weil er etwas über einen Ausschnitt aus unserer modernen Zeit erzählt, weil er einen anspringt und bewegt. Und erst die leckeren Tomaten, da möchte man grad reinbeißen.
Es gibt noch einen Film aus dem Hohenlohischen über die Landwirtschaft, mindestens einen, einen dokumentarischen, Und es geht doch.