Da muss man erst mal durchatmen
nach diesen knapp zwei Stunden koreanischen Fantasy-Feuerwerkes mit einem enormen Realitätsbetäubungsfaktor, so dass man sich nachher direkt wundert über die Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit unserer Normalwelt. Regie führt Byung-woo Kim nach dem Drehbuch von Umi singNsong (laut IMDb).
Der Film fängt in einer Alltagswelt an. Kim Dok-ja (Ahn Hyo-seop) ist Angestellter in Südkorea. Er ist passionierter Comic-Leser. Er liest die neuen Folgen nicht nur einmal. Ende der Woche liest er alle nochmal. Die Reihe scheint aber nicht erfolgreich. Jedenfalls ist er noch der einzige Leser. Und die Reihe soll eingestellt werden. Er schreibt an den Autor und, oh Wunder, dieser schreibt ihm zurück.
Nicht nur das, wenn man so will: die Reihe schlägt zurück, plötzlich zieht es Kim in die Fantasy-Welt seines Comics hinein. Und seine ganze Umwelt dazu, auch seine Kollegin Yoo Sang-ah (Chae Soo-bin), die er in der U-Bahn auf dem Nachhauseweg trifft. Sie wird vom schmierigen Boss angemacht. Lässt sich aber von ihm nicht einladen. Es gibt Durchsagen an die Passagiere. Plötzlich setzt ein grausames Mörderspiel ein.
Moderator ist eine Art fliegender, durchsichtiger Minon, knuddelig und süß wie ein Qietschentchen, aber grausam wie irgendwas. Wer kein Lebewesen tötet, der stirbt selbst. Es ist ein Spiel, könnte ein Videospiel sein, bei dem die Akteure Münzen verdienen müssen. Das könnten sie durch das Töten.
Für Kim ist diese Welt vertraut und bekannt. Es ist seine Comic-Welt. Er weiß, wie es weitergeht, er steht aber des öfteren auch vor dem Problem unbekannter Situationen. In der U-Bahn ist der Junge Lee (Kwon Eun-sung). Der hat ein gläsernes Terrarium mit Ameisen bei sich. Ameisen sind auch Lebewesen. Wer eine Ameise tötet, tötet ein Lebewesen und kann überleben und ein Menschenleben verschonen.
Das Spiel ist grausam, darwinistisch, Survival of the Fittest. Ein Kampf gegen unbekannte, anonyme Kräfte. Zu Kim und Lee gesellen sich weitere Menschen. Es entsteht eine Art Team, nicht ganz wie zuletzt die Fantastic Four. Es gibt auch Wechsel in der Gruppe. Ständig annonciert die wie eine KI wirkende Minon-Figur neue Szenarien, die es zu bewältigen gibt, und die nach einer bestimmten Zeit ablaufen.
Ein weiterer Superheld ist Yoo (Lee Min-ho). Von dem weiß Kim, dass er in Bälde bei einem Kampf gegen einen Drachen sterben wird. Zwischen den enormen Auswüchsen der zeichnerischen, dämonischen Ungeheur-Fantasie des Filmes, erdet der sich immer wieder in einer ruinierten U-Bahn-Station mit der Alltags-Gruppe.
Jede Runde ist mit neuen Kämpfen mit Monstern zu bewältigen. Kein Superheldenfilm-Versatzstück, was nicht eingesetzt wird. Wenn ein Mensch getötet wird, sprudeln aus ihm heraus die Münzen.
Thematisiert wird das Alleinkämpfertum gegen den Gemeinsinn. In einer späteren Phase des Filmes gibt es grüne Felder, die auf dem Boden mit Beleuchtung gekennzeichnet sind. Sie garantieren Sicherheit. Aber die „Constellation“ ist launisch und unberechenbar. Die Grünfelder werden plötzlich gelöscht und werden mit Bonusfeldern willkürlich ersetzt. Es beginnt der Kampf um diese Felder wie ein Sesseltanz oder wie um den Platz am Pool.
Die Musik macht enorm Dampf unter die Handlung, so dass es schwer ist, ihr auszukommen, dem Spiel der geerdeten Alltagsfiguren mit dem Wahnsinn, den die Fantasie aus Angst und Denkhybris zusammenbraut. Ganz ohne Selbstironie ist die Erzählung nicht, es kommen die Typen vor, die als ’stereotype Charaktere‘ bezeichnet werden; um die ist es nicht schade. Auch Zauber fehlt nicht, wenn der Bub Lee Glühwürmchen um sich versammelt und sich mit ihnen unterhält.