Culture Clash –
„Zieh auf Null die Pfütze!“
40 Jahre hat sich in der DDR, dem Arbeiterstaat, wie sie sich nannte, eine eigene Mentalität und Kultur herausgebildet, die von der Idee des Arbeiterstaates geprägt war. Wie es um diese Lebens- und Denkweise zehn Jahre nach dem Fall der Mauer bestellt ist, das erkundet Maren-Kea Freese in ihrem verhaltenen, behutsamen Film anhand der Figur Wilma.
Fritzi Haberlandt repräsentiert als Wilma phänomenal ein prototypisches Frauenschicksal aus der Zeit und aus dem Osten. Ende der 90er hat sie einen Packen an Zertifikaten über Fortbildungen. Jetzt fällt auch noch ihr Job als Führerin durchs Besucherzentrum der stillgelegten Zeche weg. Ihren Mann ertappt sie beim Seitensprung. Ihres Bleibens in der Lausitz ist nicht mehr.
Wilma will es in Wien versuchen. Da begegnet sie zuerst dem typisch kafkaesken Bürokratieproblem, dass sie für eine Anmeldung eine Wohnadresse braucht, dass es aber ohne Job keine Wohnung gibt und umgekehrt. Sie landet auf dem Arbeiterstrich. Über einen Kollegen findet sie ein WG-Zimmer, eine Abstellkammer für 2000 Schilling. Ihr Kollege und künftiger Mitbewohner ist ein Möchtegernautor und die Mitbewohnerin ein Literaturdozentin.
In der WG stoßen am krassesten die Welten des theoretischen, westlichen Feminismus und des praktizierten ehemaligen östlichen Feminismus zusammen.
Die Nachwuchs-Regisseurin scheint ihr Drehbuch extrem sorgfältig recherchiert zu haben und findet so zu einer glaubwürdigen Konfiguration, die einen als Zusammenprall von zwei konträren Welten immer mehr reinzieht. Dass die Ossis sexuell nicht verklemmt waren, das haben wir schon länger gewusst. Zudem strahlt der Film einen Hauch des spröden Charmes des DDR-Kinos aus. Könnte ein Film sein, der sich hält. Ein Film, für den gilt: „Zieh auf Null die Pfütze!“.