Sleeper
Im Kunsthandel ist ein Sleeper kein Spion, den sich eine Macht jahrelang hält, bis er zum Einsatz kommt, ein Sleeper ist hier ein Meisterwerk eines längst verstorbenen Malers, von dem kaum zu erwarten ist, dass noch ein bis anhin unbekanntes und in keinem Werkverzeichnis aufgeführtes Bild auftauchen wird.
Ein Sleeper ist so besehen ein Jahrhundertereignis. Und um ein solches herum entwickelt sich schnell eine Art Thriller, wie dieser Film brillant nacherzählt. Wer weiß, wann der nächste unbekannte Caravaggio auftaucht, wenn überhaupt. Von einem solchen handelt dieser Dokukrimi, wie man ihn bestimmt auch nennen darf, von Álvaro Longoria.
Der Film setzt im April 21 ein und umfasst einen Zeitraum von drei Jahren. Es geht um ein Ecce- Homo-Gemälde, was drei Geschwister in Madrid in ihrem Besitz entdecken und das sie zunächst für 1500 Euro irgendwo verkaufen wollen, weil sie keine Ahnung haben, dass es von einem berühmten Meister stammen könnte. Es findet weder Beachtung noch Abnehmer.
Irgendwann landet das Bild in einem Online-Katalog und es wird nicht lange dauern, bis jede Menge Händler, Sammler und Experten behaupten, sie hätten sofort vermutet, dass es sich dabei um einen bis anhin unbekannten Caravaggio handelt, also um einen Sleeper.
Der Film zeichnet in wunderbarem ‚Scuro-Chiaro‘ nach, was sich daraufhin entwickelt, wie der Hype drum herum immer größere Ausmaße annimmt. Er führt durch wesentliche Teile des Kunstmarktes für alte Meister, von den Sammlern, den Experten, Restauratoren, den Galeristen, den Auktionatoren in verschiedene Städte des Kunstmarktes, London, Paris, Rom, Madrid.
Wenn so ein Bild oder so eine Geschichte erst den Weg in die Medien findet, dann sind schnell die Behörden zur Stelle, die das Bild – in Spanien, wo es entdeckt wurde – zum BIC machen, zum nationalen Kunstgut, das nicht exportiert werden darf. So wird ein möglicher Preis von um die 300 Millionen schnell mal auf 10 oder 20 Prozent davon reduziert; Pech für die Erben.
Der Film ist glanzvoll fotografiert. Wem das Gemälde am Schluss gehört, kann er nicht verraten, auch nicht, wie hoch die bestimmt ordentlich aufgelaufenen Spesen und Honorare all der beteiligten Fachleute sind, die garantiert nicht vom Mindestlohn leben, die auch immer hervorragend gekleidet sind. Kaufpreis als auch Käufer, oh, das sollte man vielleicht besser nicht spoilern. Ist ja eine Art Krimi, wo nicht der Täter gesucht wird, sondern allenfalls der neue Besitzer.
Eine rasante Rekapitulation. Zum Maler selbst gab es vor zwei Jahren den Film Der Schatten von Caravaggio. Und vor zehn Jahren erzählte Die Frau in Gold von einem anderen Kunstmarktkrimi.