Die Hilflosigkeit der Frau im Fokus
Vermiglio ist ein Dorf im Trentino. So, wie im Wikipedia-Artikel dargestellt, würde man es sich nie vorstellen, wenn man den Film von Maura Delpero (Maternal) schaut.
Hier gibt es keine Gesamtansichten, keine Totalen. Hier ist der enge Fokus vor allem auf den Hof und die Familie des Lehrers Cesare (Tommaso Ragno) gerichtet. Es ist ein Film, der auf establishing Shots verzichtet. Gerade mal die stotzige, gern verschneite Berglandschaft als Kulisse.
Es ist die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die jungen Männer sind im Krieg. Zwei Deserteure finden Zuflucht in dem Dorf. Einer davon ist Pietro (Giuseppe De Domenico). Das soll nicht im Tal unten ruchbar werden. Ob das zu halten ist, fragt man sich so nebenbei, wenn plötzlich eine volle Kirche zu sehen ist, oder eine Festlichkeit, bei der unglaublich viele Menschen teilnehmen. Wo die wohl alle herkommen. Auch die Kneipe platzt plötzlich aus allen Nähten.
Dabei hat der enge Fokus des Filmes eher einen Einödhof suggeriert. Und in diesem dominieren die Schlafzimmeraufnahmen. Immer schlafen mehrere Familienmitglieder in einem Bett. Da erzählen sie sich die Dinge, die der Film anders wohl nicht erzählen will.
Cesare, der heimlich raucht und dazu den Plattenspieler zum Laufen bringt, der erwachsenen Analphabeten das Lesen und Schreiben beibringt, ist die Hauptfigur. Sie ist eindeutig seine Tochter Lucia (Martina Scrinzi). Sie scheint eine wehrlose Person zu sein, die das Leben passiv und wenig selbstbestimmt angeht. Sie heiratet Pietro, weil sie ein Kind von ihm erwartet. Der kommt aus Sizilien, spricht ein anderes Italienisch als die Bergler vom Trentino, das teils ganz andere Wörter verwendet als das gängige Italienisch.
Schwer zu sagen, was die Filmemacherin am meisten bewegt. Es könnte die Idee eines Poesiealbumfilmes sein, der eine beeindruckende Sammlung intimer Bilder aus der rauen Berglerwelt versammelt, immer wieder die Schlafzimmer, immer wieder der Papa, der raucht und unterm Tisch vom kleinen Töchterchen belauscht wird.
Die ältere Schwester, die betet, sich nicht mehr in die Ecke zu stellen, wo sie geheime Dinge tut, die verhalten angedeutet werden. Manche der Personen haben ihre Geheimnisse. Aber es sieht nicht so aus, als wolle die Filmemacherin den spannenden Bogen einer Geschichte spinnen. Sie scheint ab und an direkt verliebt in die fotografischen Chance, die ihr das Sujet bietet.
Es ist eine Sammlung von Impressionen aus dieser engen Welt, in der immer wieder geographische Karten eine Rolle spielen. Geburten kommen vor, die erste Regel, Kindstod, Gottesdienst mit wahrhaft imponierendem Bergler-Männerchor.
Es wirkt, als wolle die Filmemacherin ihre Neugier in Bezug auf ihre Protagonisten im Zaume halten, wolle ihnen nicht zu nahe treten, wolle sie lediglich in ihrem Unglück unglücklich sein lassen und als wolle sie den Zuschauer nicht mit unnötigen oder gar belastenden, justiziablen Infos belästigen. So bleibt er ratlos, das könnte unendlich so weiter gehen mit den intimen Schilderungen, die eine warme Nähe zu den Figuren abbilden.