Köln 75

Eine Bresche für den Free-Jazz
Eine Bresche für Keith Jarrett
Eine Bresche für die Improvisation und gegen den Perfektionismus

In den 70ern war Jazz in Deutschland keinesfalls etabliert, all die Variationen von Standard bis zum Free Jazz und bis Keith Jarret. Auf jeden Fall musste der Radiomoderator vom WDR von der Protagonistin dieses Filmes von Ido Fluk, Vera Brandes (Mala Emde), beinah beknieet werden, ein Andkündigung für seine Hörer zu machen für den Auftritt des Jazzmzusikers an der Oper in Köln im Jahre 1975. Daraus wurde das berühmte The Köln Concert. Organisiert wurde es von Eva Brandes.

Eva Brandes existiert wirklich. Sie hat die Erzählung aus ihrem Leben für das Drehbuch geliefert. Sie wird im Film auch in einer Variante von 50 Jahren dargestellt, hier von Susanne Wolf. Sie ist die Protagonistin der kleinen Rahmenhandlung. Es handelt sich um den 50. Geburtstag. Die braucht der Film, um ihr gestörtes Verhältnis zu ihrem Vater zu erklären. Dieser ist Zahnarzt und wird dargestellt von Ulrich Tukur in bewährter Altborniertmännermanier. Aus diesem Anlass erklärt er den versammelten Gästen, dass sie die Enttäuschung seines Lebens sei.

Wie sie in der jungen Variante von ihm eine Ohrfeige bekommt, weil sie um einen Vorschuss von 10′ 000 Mark zur Finanzierung des Jarrett-Konzertes bittet, erklärt sie die daraus resultierende Wunde Nachfragenden mit dem simplen Begriff Patriarchat.

Der Vater ist typischer Vertreter der Nachkriegs-, der Aufbaugeneration und erwartet eine identische Haltung zu Leben, Ausbildung und Beruf. Für Jazz hat er null Verständnis, auch nicht dafür, dass seine Tochter eine Deutschlandtour für Keith managt. Sie ist nicht mal 20.

So wie Like a Complete Unknown es für Bob Dylan versucht dieser Film als Partialbiopic einen Ausschnitt aus dem Leben von Eva Brandes nachzuillustrieren; dadurch wirkt er allerdings auch relativ brav und ordentlich und mit viel Erklärsätzen, vermutlich zur Freude des koproduzierenden Fernsehens.

Anfangs des Filmes ist Eva noch nicht erwachsen. Ein Musiker, den sie in einer Kneipe anmacht, lässt kurzerhand eine Tournee für sich von ihr organisieren. So findet sie zu ihrem Beruf. Sie muss das Bluffen lernen, das Aufschneiden, sie muss heimlich in der Praxis ihres Vaters telefonieren.

Momentweise fühlte ich mich angesichts des Spiels von Mala Emde an den Film Die Mittagsfrau.

Es gibt einen Strang im Film, der sich der Aufklärung über den Jazz vornimmt und es gibt eingebettet ein Roadmovie von Lausanne nach Köln. Dort hatte Jarrett mit seinem Manager und Renault-Fahrer eines seiner wilden Konzerte. Das Geld für den Flug nach Köln wollen die beiden sich sparen und fahren mit der Klappermühle.

In Lausanne kontaktiert sie der Musikkritiker Michael Watts (Michael Chernus). Dieser erinnert an den Film The Critic, bei dem es um einen Theaterkritiker alter Schule geht. Das hier ist die modernere Variante davon. Der Fahrt der drei nach Köln haftet etwas Mystisches an, denn der Künstler will absolut kein Interview geben. Durchaus faszinierend, wenn ein Fachjournalist keine Fragen stellen darf, ja vor allem schweigen soll. Es versteht sich von selbst, dass daraus ein Gespräch wird.

Die Vorbereitungen zum Auftritt in Köln werden filmisch breit erzählt. Der Flügel ist nicht nicht der versprochene; es ist ein Schrott-Flügel; zwei Klavierspezialisten arbeiten sich an diesem ab; die Lulu-Aufführung parallel dazu ist offenbar vorm Eisernen Vorhang und ganz ohne Bühnenbild. Alles nicht so recht realistisch und offenbar nur als kilometerlanger Anlauf für die Flügelpointe gedacht.

Immerhin gibt der Film zu verstehen, wie der Perfektionismus nicht alles sein kann und wie ein Panne wie die mit dem Klavier zu künstlerisch offenbar einmalig kreativen Leistungen treiben kann. Das wäre dann die noch längere Pointe dieses Filmes: dass das Konzert wohl zum berühmtesten des Pianisten geworden ist.

Der Regisseur wollte Eva Brandes von hinter der Bühne ins Licht holen. Dafür scheint er mir aber nicht genügend nachdgedacht zu haben, was es bedeutet, Licht auf ein Schattengewächs zu werfen. Denn die Mechanismen des Rampenlichtes sind nun mal da. Und um ein Schattengewächs, ohne die Rampenlichtmechanismen zu bedienen, in dieses zu setzen, bräuchte es vielleicht einen etwas anderen kinematographischen Zugangs als den üblichen.

Verena muss in dieser Phase des Filmes viel und ausdauernd in und um die Oper Köln rennen. Also ob sie Lola hieße. Das signalisiert Hektik.

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