Eine Erklärung für alles

Wie aus einem Spiel der Perspektiven Geschichten werden können.

Mit einem im ersten Moment irritierenden Spiel mit dem Format, gibt der Film von Gábor Reisz, der mit Éva Schulze auch das Drehbuch geschrieben hat, zu verstehen, dass ihn das Thema der Wahrnehmung, der Themenfindung und dann doch auch der Perspektive interessiert. Dass ihn interessiert, wie ein Geschichtenerzähler zu einer Geschichte kommt.

Diese Haltung unterstützt die Kamera, die bei Dialogen gerne mit Reißschwenks arbeitet. Dahin schauen, wo sich was tut. Und dann einen Zusammenhang herstellen. Und mit diesem Zusammenhang etwas über den Zustand Ungarns erzählen. Daraus entsteht ein fesselnder Sog, dass die zwei Stunden wie in einem Moment vorüberfliegen. Denn der Kopf des Zuschauers ist gefordert, nicht im Entziffern von Rätseln, sondern, wenn man vom Titel ausgehen will, mit der Frage, wie die vielen Erklärungen – das können die für das jeweils individuelle Handelnden sein – eine Synopsis, ein Gesamtbild ergeben.

Diese Erzählermanipulation wird gezielt gefördert mit poinierten Zwischentiteln. Diese umreißen den Zeitraum von etwas mehr als einer Woche.

Abel (Adonyi-Walsh Gáspár) ist 18 und verliebt. Der Film vergeheimnisst nie etwas, wie schwache Erzähler es zu tun belieben. Er fügt eindeutige Befunde und Recherchen aneinander.

Abel vermasselt die Prüfung, indem er kein Wort sagt. Er ist verliebt in Janka (Kizlinger Lilla). Diese wiederum ist unsterblich verliebt in ihren verheirateten Lehrer Jakab (Rusznák András). Sie erlebt bei ihm eine Abfuhr. Er ist ein Linker, politisch engagiert und sitzt im Prüfungsgremium von Abel. Er macht eine Bemerkung über den Anstecker in den ungarischen Nationalfarben, die der Prüfling an seinem Anzug trägt. Er hat ihn dort versehentlich noch vom Nationalfeiertag belassen.

Der Vater György (Znamenák István) von Abel ist im Immobiliengeschäft tätig und ein Fidesz-Wähler. Ihm verursacht das Vermasseln der Prüfung durch seinen Sohn physische Schmerzen. Er sucht den Arzt auf und klagt sein Leid. Der wiederum erzählt das seinem Taxifahrer. Der Perspektivenwechsel munter auf Tour.

Journalistin Erika ( Hatházi Rebeka), die neu aus Siebenbürgen in Budapest ist, geht der Geschichte nach und kann bei ihrer Zeitung „Der ungarische Tag“ einen Scoop landen. Der Filmzuschauer ist fasziniert, zu sehen, wie solche Geschichten aus verschiedenen Wahrheiten zusammengeschustert werden, erfährt etwas über die Zustände in Ungarn, über ungarischen Patriotismus, gleichzeitig über das Pressewesen und kann sich wunderbar unterhalten dabei.

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