Ein schöner Chrüsimüsi
Chrüsimüsi ist ein Schweizer Dialektwort, das übersetzbar ist, es meint ein Durcheinander, hier das herrliche Durcheinander im Paradiesgarten der Schweizer Dialekte, den man fast als Dickicht bezeichnen könnte; das Wort Chrüsimüsi kommt im Film allerdings nicht vor. Aber das Thema der Übersetzbarkeit ist eine Szene wert in einem Radiostudio, in welchem eine Modertorin einem Fachmann Deutschschweizer Dialektbegriffe zum Übersetzen vorgibt. Bei „schnäderfrässig“ muss er passen.
Schnäderfrässig ist in gewisser Weise auch der Film des Schweizer Dokumentaristen Aldo Gugolz, der Donnerstagabend die erstmalige Schweizer Filmwoche im gastfreundlichen Münchner Theatiner-Kino, noch bis 16. November, gutschweizerisch eröffnet hat.
Anhand des umstrittenen, titelgebenden Wortes ‚omegäng‘ begibt sich der Flaneur auf eine Reise durch die deutsche Schweiz und stößt auf Trouvaillen noch und nöcher. Abgesehen von den wunderbaren, hochkünstlerischen Verkehrskreiseln, mit denen allerorten Ortschaften Individualität behaupten, als ob sie keinen Dialekt hätten. Mit denen blättert der Filmemacher quasi die Seiten um im Album seiner Dialektreise.
Gugolz begleitet teils eine Dialekterforschungsgruppe, die Menschen Begriffe vorlegt, die sie in ihrem Dialekt ausdrücken sollen. In Bayern gibt es ähnliche Forschungen, die auch im Internet einzusehen und zu hören sind, zB den Bayerischen Dialektatlas. In der Schweiz gibt es das Idiotikon, eine Jahrhundertaufgabe. Aber es gibt auch einen Dialekt-Fluchsammler, dem auffällt, dass die Katholiken über ein größeres Fluch-Arsenal verfügen als die Protestanten.
Der Film trifft auf prominente Menschen, die sich beruflich mit der Sprache befassen, die im Dialekt schreiben, singen oder Zugewanderte unterrichten, und er trifft auf Menschen, die ihren lokalen-regionalen Dialekt als Teil ihrer Identität sehen, die aber auch ganz gut über die Unterschiede zu anderen Orten Bescheid wissen, oder darüber, wie die Sprache sich wandelt, wie Wörter sich aus dem Gebrauch verabschieden, wie eine Generation Wörter noch kennt, aber nicht mehr benutzt.
In der an die Vorführung anschließenden Diskussion war keine klare Meinung zu finden, wohin sich der Dialekt entwickelt oder ob er ganz verschwinden wird.