Cranko

Hier zählt Kritik noch was, auch wenn der Hinweis auf den Eunuchen nicht ausgespart wird, aber beim Rückflug von New York lässt sich die Ballettruppe von John Cranko gerne die Jubeltexte der New Yorker Presse vorlesen – und glaubt sie auch.

Von der schwäbischen Provinz an die Met, könnte die Überschrift auch lauten. Dabei war Stuttgart anno 1961 offenbar weniger provinziell als London, das vom begabten Tänzer und Choreographen nichts mehr wissen wollte, weil Cranko (Sam Riley) offenbar in eine Sexfalle mit einem Mann gelaufen war.

Im Schwabenländle würden sie daraus keinen Skandal machen, meinte Walter Erich Schäfer (Hanns Zischler, immer einen Tick zu deutlich zeigend, dass er Theater spielt), der damalige Chef der Stuttgarter Oper.

Der Film von Joachim Lang ist eine sentimentale Verehrung des genialen Choreographen. Einerseits legt er Wert auf die Grundeinstellung, dass es beim Ballett darum gehe, das zu zeigen, was Worte nicht zeigen können und ums Himmels Willen nicht um perfekte Technik, es geht um das Humane, damit gleichzeitig, denn wo Licht ist, muss Schatten sein, auch das Inhumane, was Cranko später mit „Spuren“ inszenierte.

Dabei hat ihn Die Ermittlung in der Aufführung von Peter Palitzsch in Stuttgart wohl besonders berührt. Es wird im Film eine Szene daraus nachgestellt. Das ganze Stück ist in einer hervorragenden Film-Theater-Inszenierung diesen Sommer ins Kino gekommen.

Der Film beginnt mit Crankos Ankunft in Stuttgart, erste Ankunft lebendig, hoffnungsvoll, zweite Ankunft am Ende des Filmes ist er auf dem Rückflug von den USA gestorben. Alkohol und die ewige Raucherei dürften nebst privatem Unglück, gerade auch in Liebesdingen, mit der Grund gewesen sein für den frühen Tod.

Am Ende kann der Film seine Verehrungsgefühle nicht mehr beherrschen, lässt Zeitzeugen und Schauspieler aus dem Film gleichermaßen Rosen am Grab des Künstlers niederlegen. Wie der Film überhaupt ein Schlagseite in Richtung Groschenroman nicht verleugnet, auch wenn er versucht, den künstlerischen Entwicklungen und den damit verbundenen Hinter-den-Kulissen-Kämpfen Raum zu geben .

Vom Licht her taucht er die Räumlichkeiten, speziell die herrschaftliche Staatsoper von Stuttgart, in sentimentales Licht. Der Film trennt sich auch ungern, so als ob er verliebt sei, von seinen Szenen, schneidet immer einen Tick zu spät, wiederholt auch Sujets, in die er wohl auch verliebt ist: die Visionen von Cranko, wie die Tänzer auf dem Platz vor der Oper spielen, wie sich das in seinem Augenstern spiegelt, immer ein kleines Too Much zu viel. Im Vergleich zur Subtanz sind dadurch über zwei Stunden Spielzeit zu lang. Insofern wirkt dieses Kino zwar schön, aber etwas altbacken. Dazu dürfte die im Abspann erwähnte Beratung durch das Fernsehen sein Teil beigetragen haben.

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