Steine mahlen
Der Kreislauf der Steine – und zwischendurch richten die Menschen Merkwürdiges und nicht unbedingt Sinniges mit diesen an. Sie sprengen ihn aus dem Felsen, sie mahlen ihn, sie gießen ihn mit dem 3-D-Drucker, sie bauen Häuser mit ihm, die 30 oder 40 Jahre halten, auch Hochhäuser, dann zerstören sie diese wieder, auch mit Kriegen, dann müssen sie die Schuttreste abtransportieren und zu neuen Bergen auftürmen oder zu Schutthalden.
Oder sie nehmen einzelne Steine und legen daraus im Garten einen sinnlosen Kreis. Deshalb nennen sie ihn dann magischen Kreis. Die Steine haben den Vorteil, dass die Roboter von Rasenmähern dort nicht hingelangen.
Der den magischen Kreis in seinem Garten mit zwei Hilfskräften anlegt, ist der betagte italienische Architekt Michele de Lucci. Der darf in dem Film, der nur aus einem Prolog und einem Epilog besteht, in letzterem über Sinn und Unsinn des Umgangs der Menschen mit Stein, in der speziellen Verwendung als Beton, laut nachdenken und sich wundern über sich, dass er jetzt wieder so ein Hochhaus in Mailand bauen wird, das sich durch nichts von anderen abhebt und von begrenzter Haltbarkeitsdauer.
Der Film von Victor Kossakovsky will ausdrücklich nicht durch eine traditionelle Erzählstruktur überzeugen, das hat den Filmemacher (Vivan las Antipodas, Aquarela und Gunda) nie interessiert.
Kossakovsky mag es gerne im Sinne der Schlagzeilenträchtigkeit, des Aufsehenerregens; das war schon bei seinem ersten Film, den wir hier zu sehen bekommen haben so, das ist nicht ohne Extravaganz des Ausscheidungskriteriums für einen Stoff, Antipoden fotografisch festzuhalten.
Vielleicht wäre von einem hochgezüchteten Geschmäcklertum zu sprechen, welches nicht ohne Eitelkeit ist, partout aufzufallen. Das tun die Bilder denn auch. Die sind untrennbar verbunden mit dem Kameramann, das ist Ben Bernhard, der schon die starken Naturbilder in Antipoden und Aquarela zu verantworten hatte. Auch in Rohbau war er der Kameramann.
Dazu kommt ein spezifischer Sound, ausgeklügelt, oft an der Grenze zur Ironie. Auch das diesen unbedingten Willen zur Einzigartigkeit bestätigend. Und auch das: den Zuschauer in seinen Sehgewohnheiten trietzen, speziell den Bildungsbürger, der immer gerne wüsste, wo jetzt die Lokalitäten sich befinden, die endlosen Wohnblocks, teils bereits in Trümmern liegend, die zum Abriss bereit stehen, in der Ukraine, im Libanon? Und die Ruinenstadt? Palmyra (ach nein, da kann man zur Zeit bestimmt nicht drehen) oder Baalbek? Wo steht das terrassierte Bergwerk, in welchem im Tagebau Steine weggesprengt und anschließend zermalmt werden?
Manchmal ist der Filmemacher gnädig und gibt einen Hinweis mehr oder weniger direkt oder auch nur versteckt. Und der Abspann läuft zu schnell, um Sicherheit zu gewinnen.
Klar, es ist ein großes Thema, was die Menschen mit den Steinen machen, ist es doch nach dem Wasser das zweitmeist von ihm verwendete Material. Viel Unsinn auf jeden Fall, aber klar ist auch, dass man mit dem geeigneten Kameramann unendlich viel Material überwältigender Bilder sammeln und montieren kann; auch Schwarz-Weiß macht sich dabei gut.
Ein Bilderepos, auch gespeist von einer immer höher entwickelten und raffinierten Drohnentechnik. Eine Absicht hinter dem Film ist sicher, Überwältigungskino zu schaffen. Wobei Story- und Essenzausbeute verhältnissmäßig gering bleiben.
Als entsprechend geistigen Input hat der Autor Giovanni Pascoli ausgewählt mit dem Satz: Heute gibt es etwas Neues unter der Sonne – oder eher etwas Altes. Manchmal scheint allein der Wille, etwas Spezielles zu sein, schon zu genügen, um etwas Auffallendes herzustellen.