Vom Reiz der Andersartigkeit
Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Ein Vater bringt seine Tochter Rosalie (Nadia Tereszkiewicz) mit einem Pferdewagen und ein paar Habseligkeiten drauf zu ihrem künftigen Ehemann. Dieser, Abel (Benoît Magimel), betreibt in einem Dorf mit Steinhäusern und einer Textilfabrik eine Kneipe. Die läuft mehr schlecht als recht.
Der Fabrikbesitzer Barcelin (Benjamin Biolay) sieht es nicht gern, wenn seine Arbeiter in die Dorfwirtschaft gehen und erst recht nicht, wenn sie dort trinken. Abel ist hochverschuldet bei Barcelin und das Brautgeld, was der Vater von Rosalie sich mühsam zusammengespart hat, reicht bei weitem nicht. Rosalie und Abel heiraten.
Stéphanie Di Giusto (Die Tänzerin), die mit Sandrine Le Coustumer und Jacques Fieschi auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt das in einfachen, ansprechenden Bildern, die sofort Zauber entwickeln.
Das zentrale Thema des Filmes wird früh angedeutet, indem es noch nicht offenbart wird. Es ist etwas mit Rosalie. Sie wird erst nur in Rückenansicht und angezogen, gezeigt. Spät erst kommt ihr Gesicht ins Bild. Sie braucht nach der Ankunft bei ihrem künftigen Gatten einen Moment, um sich zurechtzumachen, pudern.
Auch Abel hat eine Ungewöhnlichkeit. Er trägt ein schweres, ledernes Stützkorsett um Bauch und Rücken. Bevor er ihre Sonderheit erfährt, äußert sie den dringlichen Kinderwunsch. Wie sie ihm offenbart, dass sie eine Frau ist mit Männerhaarbewuchs und einem Bart, den sie regelmäßig rasiert, reagiert er erst erwartungsgemäß enttäuscht und wütend; das verliert sich.
Die Frage ist nun, wie es weitergeht mit den beiden, er hat ja auch seine regelmäßigen Treffen mit einer Maitresse in der Stadt.
Unverhofft, so viel sei noch gespoilert, geht Rosalie, die in der Kneipe bedient, mit Gästen eine Wette ein, dass sie innert so und soviel Tagen einen Bart wachsen lassen könne. Somit wird das Thema öffentlich und man darf gespannt sein, wie die Umwelt auf diese Differenz reagiert.
Es ist die Zeit, als Freaks noch öffentlich in Shows- oder bald schon im Kino – ausgestellt werden. Mit Freaks ist ein Geschäft zu machen. Eine bärtige Frau ist – nicht nur damals – eine Sensation. Das beschäftigt die Menschen und es gibt Angebote, sie so zu vermarkten. Auch eine Kneipe mit so einer Bedienung ist attraktiv. Und es gibt noch das Geschäft mit den Fotos.
Stéphanie di Giusto spielt mehr mit den Möglichkeiten dramatischer Entwicklungen, als dass sie die in unversöhnliche Verfestigung eskalieren lässt. Sie erwägt mehrere Varianten der Reaktion; bringt zwischendrin auch ärztliche Info über die Protagonistin, sondiert das Thema der Adoption, fühlt wieder Abel auf den Zahn. Aber es steht auch jedem frei, in den Handlungen und Reaktionen, vor allem im Haarwuchs, ein Zeichen weiblicher Selbstermächtigung zu sehen.