Favoriten

„Mein Stephansdom“

Das ist vielleicht die kurioseste Szene in dieser exzellent beobachtenden Dokumentation von Ruth Beckermann, die mit Elisabeth Menasse auch das Drehbuch geschrieben hat, wie bei einem Besuch des Stephansdoms der die Gruppe führende katholische Pater der Volksschulklasse von Ilkay erklärt, dass der Stephansdom nicht der katholischen Kirche gehöre, sondern allen Österreichern.

Sie könnten also alle sagen, „Das ist mein Stephansdom“. Pikant daran ist, dass in der Schulklasse in dieser größten Volkssschule Wiens im Bezirk Favoriten nicht ein einziger Schüler katholischen Glaubens zu finden ist, allenfalls noch zwei orthodoxer Glaubensrichtungen, der Rest dürfte muslimischen Glaubens sein.

Die muslimischen Kinder haben extra Religionsunterricht, auch da ist die Dokumentation dabei, wie bei einer Moscheebesichtigung eine Erklärung des Gebetsvorganges stattfindet.

Während die deutsche Dokumentation Herr Bachmann und seine Klasse einen Lehrer porträtiert, der die Integrationsprobleme unkonventionell angeht, zeigt dieser Film, der angenehmerweise ganz ohne Talking-Heads auskommt, die alltägliche Mühsal eines Unterrichts an der Volksschule mit überwiegend Kindern, bei denen zuhause kaum oder nur wenig Deutsch gesprochen wird.

Der Film zeigt aber auch, was moderne Pädgogik inzwischen leistet, weit entfernt von der Art institutionalisierten Nürnberger Trichters, als welcher Schule einsten galt.

Die Protagonistin Ilkay versucht, auf die Kinder individuell einzugehen. Bei Auseinandersetzungen gibt es gruppendynamische Gespräche, wer was warum getan hat. Die Kinder werden zu aktiver Mitarbeit aufgefordert. Wenn sie Zeichnungen anfertigen, wird nachher darüber geredet oder sie werden für Erklärungen und Erzählungen aktiviert.

Die Kinder fangen an, mit den Handys Filme zu drehen, Interviews zu machen und tragen so selber Footage für den Film bei. Es gibt regelmäßig Gespräche mit den Eltern über den Fortschritt der Kinder.

Der Film begleitet seine Protagonisten-Klasse über drei Jahre lang von der zweiten Klasse bis zur vierten, wo sich die Frage stellen wird, wie weiter.

Allerdings erzwingt eine Schwangerschaft der Lehrerin zu frühzeitigem Ausscheiden aus der Schule, kurz vor Beendigung des vierten Schuljahres, was zu einem hochemotionalen Abschied führt.

Der Titel kann zwiefach gelesen werden, als Name des Wiener Stadtquartiers als auch als bezeichnend für das Verhältnis der Lehrerin zu ihren Schülern.

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