Achilles (Cinema Iran 2024)

Mensch und System

Systemsprenger gibt es allerorten, weil Systeme Menschen einengen, jedes System auf seine Art.

Im Film von Farhad Delaram, der im Abspann gar nicht erst so tut, als ob der Film für den Hausgebrauch im Iran gemacht sei, sind Farid Achill (Mirsaeed Molavian) und Hedieh (Behdokht Valian), inszeniert als ein Kinotraumpaar, wie man es sich nur wünschen kann, die mit dem System, für das symbolisch die Wände (die reden oder horchen, wie man es nimmt) stehen, die Nicht-Angepassten, die Nicht-Anpassungfähigen oder die sich nicht anpassen wollen. So sind die Konflikte vorprogrammiert.

Farid, der eigentlich Filmemacher ist, hat alles hinter sich gelassen, Familie, Job und arbeitet in der Orthopädie-Abteilung eines Krankenhauses. Die Alternative wäre gewesen, auszuwandern. Oder in seinem Job, den er, wie er offen gesteht, dank Vitamin B durch einen Freund, der Arzt ist, bekommen hat, unauffälig zu bleiben, sich im System einzurichten.

In der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie trifft er auf die Patientin Hedieh. Die braucht eine Schiene für den Arm, denn sie hat sich eine Verletzung zugezogen, weil sie ständig gegen die Wand geschlagen hat. Ihre Begründung und die ihrer Zimmermitbewohnerin, die Wände würden ständig reden.

Seinen Nonkonformismus beweist Achill, indem er über die Wände Klebband klebt, eine filmisch gut erinnerliche Aktion, die beiden Patientinnen beteiligen sich daran. Hedieh hat als Mensch sein Interesse geweckt. Es muss dieses Systemsprengerische sein, das er in ihr spürt. Er überredet sie zur Flucht. So kommen die Roadmovieelemente in Gang.

Es gibt eine Zwischenstation bei Achills Vater, der ihn das erste Mal umarmt und der selber eine Migrationsgeschichte hinter sich hat. Die Geschichte von Hedieh wird nach und nach aufgeblättert oder von Farid recherchiert, es gibt ja heute Internet.

Von der Stadt wechselt der Film aufs Land in die Nähe vom Meer. Idylle pur ist das leerstehende Haus von Oma, das vorerst als Zufluchtsort dient. Denn längst sind die Häscher hinter ihnen her. Aber auch da zeigt sich, dass das Korn des Systemsprengertums noch nicht ausgestorben ist. Auf so einer Flucht finden sich immer auch überraschende Helfer.

Mit minamlinvasiver Kamera bringt der Filmemacher uns die Geschichte, die weit über simple Kritik an einem totalitären, schariagesteuerten System hinaus geht, für das große Kino näher, anknüpfend an die Tradition weltbekannter iranischer Filmemacher wie Abbas Kiarostami, Farah Pahlavi, Asghar Farhadi, Mohsen Makhmalbar, Mohammad Rasoulof.

Der Filmemacher selbst lässt seinem Double eine Verbitterung zuschreiben, wobei dessen faszinierendes Spiel eher das eines Zweiflers ist, der an Gott sowieso schon lange nicht mehr glaubt. Dagegen singt ein Chanson vom Glück mitten im Film an.

Es gibt ein paar raffinierte Kunstkniffe, einmal ziehen die Träume Farid aus dem Bett, ein ander Mal wird am Meer ein Film auf eine Leinwand projiziert, in dem eine Frau mit dem Säbel gegen die Gischt ankämpft.

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