MFG Berlin – Paris
Während in 791 KM eine Gruppe von Menschen aufgrund einer Bahnpanne gezwungenermaßen eine Mitfahrgelegenheit von München nach Hamburg sucht, sind es hier im Film Leute, die vermutlich aus Ersparnisgründen eine günstige MFG von Berlin nach Paris wollen.
Fahrer Patrick (Cyril Guei) soll eine Limousine für eine reiche Dame überführen. Er nutzt die Gelegenheit, um mit der Mitnahme von Passagieren, sein Budget aufzubessern. Er selbst steht unter Zeitdruck, weil in Paris seine hochschwangere Frau jeden Moment gebären könnte und da sollte er schon dabei sein.
Der Film von Sylvie Michel, die mit Maria Teresa Curzio auch das Drehbuch geschrieben hat und der redaktionell betreut wurde von Holger Stern vom ZDF und von Claudia Tronnier von ARTE, nutzt zur Orientierung Stundenangaben, zum einen der Abfahrt in Berlin (7.00 Uhr), der Weiterfahrt in Halle (9.00 Uhr) nach Aufnahme einer weiteren Passagierin und die Angabe der voraussichtlich verbleibenden Zeit bis Paris.
Da es sich nicht um eine Zwangslage wie in 791 KM handelt, verlaufen die Gespräche lockerer. Wie denn überhaupt der Hauptunterschied der beiden Roadmovies der zu sein scheint, dass beim Hamburg-München Film viel konstruistischer vorgegangen wurde, akribischer nach verhandelbaren Themen und Zwängen (was dem Film nicht sonderlich gut bekommen ist) gesucht wurde, scheint dieser Film hier sich primär um einen Naturalismus zu bemühen, was dann nur zu leicht in die Nähe gähnender Langeweile realer Realität abdriftet; denn so genau will es der Zuschauer oft doch nicht wissen, wo jetzt das Clo ist und welches Handy grad wieder klingelt.
Es fahren mit Sophia (Smaragda Karydi) griechischen Ursprungs, was erklären kann, warum es sich beim Film um eine deutsch-griechische Koproduktion handelt. Sie flieht vor ihrem Ex-Mann (Samuel Finzi), der sie unterwegs einholt, was zu erwartbaren Auseinandersetzungen und Verzögerungen im Reiseablauf führt.
In Halle steigt Julie (Julia Friers) zu. Sie ist eine Deutsche und hat in einer Firma den Newsletter zu verantworten. Unterwegs erfährt sie, dass sie möglicherweise ersetzt wird. Sie spricht auch Französisch.
Mit George (Léo Daudin) mit den Rastahaaren wird das Thema der „Sans Papiers“ bedient. Er hat in Berlin aufgelegt und soll in Paris eine ihm unbekannte Frau heiraten, um an Papiere zu kommen. Für ihn ist die Reise ein gewisses Risiko und somit für die anderen eine Belastung.
Es ist wie immer in solchen Filmen, durch die Konzentration auf eine eng begrenzte Personengruppe, die auf eng begrenztem Raum für mehrere Stunden zusammen ist, wird das Publikum in gewisser Weise in Geiselhaft genommen, kann der Enge nicht entrinnen und solidarisiert sich schnell mal opferhaft mit der Gruppe. Es entsteht ein Gefühl der Familiarität.
Wie gewonnen, so zerronnen, so eine Reise ist dann irgendwie vorbei und doch auch schnell wieder vergessen.
Als Kulturzückerchen (für die Fernsehredaktionen) kommt ein Foto einer Flüchtlingsinstallation von Ai Wei Wei ins Spiel. Und man sieht, dass es gar nicht so leicht ist, gegen die Leichtigkeit des Genres Road-Movie, eine Reisegruppe zusammenzustellen, die nicht nur knallhart einen Spiegel der Gesellschaft abgibt, sondern innerhalb der es zwingend zu – komischen bis tragischen – Entwicklungen und Konflikten kommt. Zu leicht ist die Erfindung analysierbar. Es würde vermutlich gewaltiges Können und Erfahrung und auch Menschenkenntnis verlangen, mit einem Roadmovie ein verbindliches Abbild unserer Gesellschaft, womöglich handfest als Komödie, zu bauen.