Vom Ende eines Zeitalters

Kino als spannende Schicht im Schacht

Schon eine der ersten Einstellungen erregt die Reaktion auf einen Steig- oder Sinkflug. Die Kamera nimmt den Zuschauer mit in einem der Liftkörbe am letzten Tag einer der Minen im Ruhrgebiet. In Echtzeit geht es tausend Meter in die Tiefe. Und wie einer der Arbeiter seine Nase zum Druckausgleich drückt, empfindet man das mit und versucht, sich selbst ebenfalls den sich verändernden Verhältnissen anzupassen.

Wie eine rauschende Fahrt in die Tiefe und dann wieder hinauf vergehen auch die über zweieinhalb Stunden dieser Langzeitdoku von Christoph Hübner (Nachlass) und Gabriele Voss.

Der Film bleibt nicht stecken da unten, vermittelt keineswegs das Gefühl von Enge und Ausgangslosigkeit. Vielleicht tragen dazu die relativ langen Schwarzbilder bei, die bei der Montage zwischen die kurzweiligen und informativen Clips geschnitten worden sind.

Der Film dokumentiert den Wandel. Denn früh schon war klar, dass der Kohlebergbau für die Stahlindustrie in Deutschland zu teuer ist und aufgelöst werden muss.

Der Film zentriert sich um die Minen von Prosper-Haniel in Bottrop und dort wiederum um den Ortsteil Eben – „ohne Entwicklung“.

Die Dokumentaristen fuhren schon vor vier Jahrzehnten mit den Kumpels unter Tage, um sie zu beobachten, wie sie im dicken Kohlestaub und bei hohen Temperaturen mit Fräsmaschinen die Kohle abbauen. Es gibt – über die Jahrzehnte – immer wieder Beobachtungen einzelner maschineller Vorgänge – eine Faszination für sich, wie die Loren in den Lift gekarrt werden, hochgezogen und dann wieder maschinell auf oberirdische Schienen gestellt zur Weiterverarbeitung gekarrt werden; oder zu Zeiten des Rückbaus (des „Ausgrabens“) beladen mit auseinandermontierten Bergbaumaschinen.

Es ist ein vielseitiges, rundes Gemälde, das über viele Einzelbeobachtungen entsteht gemäß dem Motto von Walter Benjamin, dass dabei das Kleine wie das Große beachtet werden müsse (frei intrepretiert).

Der Zusammenhalt der Bergbauarbeiter wird deutlich und wie es nach der Auflösung der Industrie vorerst keinen Ersatz gibt. Selbst eine katholische Kirche wird entkirchlicht, einem Vereinsheim und einer Sportstätte als wenigen der letzten gesellschaftlichen Treffpunkte droht das Aus.

Auflösung und Neuentstehung gehen im Film Hand in Hand. Nostalgie und Hoffnung begleiten sich gegenseitig. Es gibt verblüffende Beispiele für Renaturierung und Umwidmung, für die Entstehung von neuen Gewässern, eines Senkungssees, für Abraumhalden als Aussichtshügel mit modernen Kunstmälern und auch von neuen Siedlungen, die nichts mehr mit Bergarbeiterromantik zu tun haben.

Es gibt den herzergreifenden letzten Tag einer Kantine, es gibt Balkonmusik zu Zeiten von Covid und es gibt den Friedhof, die Erinnerung an die vielen Toten, die der Bergbau gefordert hat. Vergangene Zeiten, die noch in Museen und denkmalgeschützten Bauten fortbestehen, um den nachfolgenden Generationen davon zu berichten, was hier einmal war, was für eine ganz spezielle Kultur und Mentalität. Es ist ein tendenziell optimistischer Film, der vielleicht gewisse Realitäten des Ruhrgebietes links liegen lässt: die Clangbiete, in die die Polizei sich kaum reintraut oder die generell hohe Arbeitslosigkeit und, wenn das stimmt, die stagnierende Bevölkerungszahl.

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