Sterben

Der Tod relativiert alles,

auch die Kunst. Er ist, um einen Satz aus diesem 3-stündigen Film von Matthias Glasner leicht abzuwandeln, „ein Furz ins Gesicht“.

Im Film ist mit dem Anwurf die Kunst gemeint, genauer, in der Ausformung der Musik durch den Komponisten Bernard (Robert Gwisdek); er wird einer der nicht sonderlich zahlreichen Toten in diesem deutschen Themenfilm zum Thema Sterben sein; auch das Spoilering dürfte durch den Tod relativiert werden.

Der Dirigent, der das hinterlassene Orchesterwerk zur Uraufführung bringt, ist Tom Lunies. Lars Eidinger spielt ihn angenehm zurückhaltend und trägt dabei zur Wucht der Leinwandschauspielerei, die die drei Stunden prägen, nicht unwesentlich bei. Schön zu sehen, wie er Tränen nicht auf Abruf herstellen kann, wie so manche Schauspielerinnen. Matthias Glasner ist gemein oder großzügig zugleich, ihn einfach so lang am Orchsterpult stehen zu lassen, bis er mental einige sparsame Tränen hergestellt hat, die kärglich über seine Wangen kullern; ein Eidinger der Innerlichkeit wie selten zuvor.

Eidinger hatte zuvor schon eine Szene auf schmalem Grat zu spielen – der in der Kunst wird auch thematisiert im Film und dabei ständig überschritten –, die passive Assistenz beim weihnachtlichen Suizidversuch seines Komponistenfreundes.

Die Mutter des Dirigenten wird gespielt von Corinna Harfouch. Sie hat schon Übung in der Rolle der Musikermutter in Lara. Hier bei Glasner ist sie eher für die Abteilung „Klamotte“ zuständig – angesichts des Themas keinerlei Beinbruch -, so wie sie mit ihrem Stock kabarettistisch umgeht, so dass gewiss niemand eine konkrete Krankheit ihrer Beine oder Füße analysieren können dürfte.

Harfouchs Auftritt an der Urne ihres Mannes Gerd (Hans-Uwe Bauer) gerät zu einer Hommage ans Stotter-Laientheater. Gleichzeitig erinnert er daran, dass wir es hier mit fernsehredaktionsbetreutem Kino zu tun haben, mindestens drei TV-Redakteure tauchen im Abspann auf, die bestimmt ihr Wörtchen haben mitreden wollen.

Der Tod relativiert alles, auch so eine herbeigesehnte Beerdigung eines dementen Ehemannes. Der Film nutzt die Zeit, um TV-gemäß auf ein technisches Problem im guten Deutschland aufmerksam zu machen, die schlechte Versorgung mit Ladesäulen für Stromer auf dem Lande. Denn deswegen bleibt Eidinger unterwegs zur Beerdigung seines Vaters stecken mit einem E-Auto, das er in Hamburg gemietet hat.

Gleichzeitig nutzt der Film die Chance, das unaufgeklärte Fernsehpublikum über die Art letzte Ruhestätte im Wald aufzuklären, die nicht mehr Friedhof heiße, sondern Ruheforst.

Der Tod relativiert alles, auch jedes Drehbuch. Egal, dass wieder jede Menge furchtbarer Erklärsätze und Sätze zur Erzeugung einer vermeintlichen TV-Realität vorkommen, gschenkt. Der Tod relativiert alles, auch jeden Kunstanspruch. Also kann sorglos gemischt werden zwischen Klamotte, Realträne und kabarettistischen Ansätzen.

Die Husterei einer weiteren beachtlichen Protagonistin, Lilith Stangenberg, einer fabelhaften Filmfrau, im Konzert ihres Dirigentenbruders ist so ein Kunstfurz. Sie ist extra aus Estland angereist. Sie arbeitet in der Zahnarztpraxis von Ronald Zehrfeld und das ist ein weiterer Punkt, den der Film für Klamotte oder Ansätze von Schwarzhumor nutzt, wie die beiden über dem offenen Mund eines Patienten sich küssen und über ihre Liebesstory reden. Das ist nicht so richtig lustig, aber auch nicht so richtig ernst.

Das mit dem schmalen Grat braucht Spielraum, wenn der Tod doch alles relativiert, auch das Thema Pflegestufe oder ob man dem Pflegling einen Fernseher besorgen soll oder dass der Pflegling was Warmes anziehen soll, denn es sei kalt draußen.

Irgendwas fährt ein bei diesem langen Filmwerk, auch wenn es nur die Wucht der Darsteller ist, die mit Inbrunst und Konzentration, Liebe, Patchworkfamilie, künstlerische Reibung, Demenz, doppelte Vaterschaft und noch Komplizierteres vorspielen. „Ich geh dann mal“ oder „Ich hol dann mal ’n Wein, dann sehen wir weiter“. Der Tod relativiert alles, aber „Wenn der Sponsor glücklich ist, dann bin ich es auch“.

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