Tatort: Schau mich an (ARD, Sonntag, 7. April 2024, 20.15 Uhr)

Trüber aus dem Darknet

Dieser Tatort bringt Schauderhaftes, Trübes, Horrorhaftes aus dem Darknet ins helle Licht des 20.15-Uhr-bürgerlichen Sonntagabends. Er stellt fest, dass solch schwer erträgliches Material (von Folter bis Mord auf Video) für Kinder und Jugendliche zugänglich sei und dass sich niemand darüber aufrege.

Immerhin, so verlangt es die Sonntagsabendmoral des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, hier betreut von Zwangsgebührentreuhänder und Redakteur Cornelius Conrad, wird auch darauf hingewiesen, was das für Schweine seien, die sowas liken und wie unfassbar es sei, was die sich für einen Scheiß reinziehen; nun ja, vielleicht ist das auch etwas scheinhilig, diese Empörung muss sein, sie ist ein Tribut an die Empörungs-Culture.

Aber die Kommissare, die, wenn sie weiter so aufgelegt sind wie heute, noch die nächsten zweihundert Folgen weiterdrehen können, geben sich auch als Kümmerer und verständnisvoll der Frau von der Suchtberatung gegenüber, es müsse sicher sehr belastend sein, sich den ganzen Tag solche Dinge anzuhören.

Dieser Tatort von Christoph Stark, der für Drehbuch und Regie zeichnet, hat momentweise durchaus den Charme eines Autorenkinos, das sich von einem Grundneed und einer Grundidee treiben und faszinieren lässt und sich alle Mühe gibt, das so gut und so plausibel wie möglich auszutüfteln.

Wobei möglicherweise der dramaturgische Rollator, der für so ein Serienprodukt unerlässlich scheint, sich als hinderlich erweist. Die Anforderung, dass mindestens zwei Figuren als Täter in Frage kommen können müssen, hier sind es Lukas (Sammy Scheuritzel) und Paul (Reiser). Sich der Film dann aber plötzlich, nachdem er den einen Verdächtigen plausibel entsorgt hat, dem anderen zuwendet. Es gibt auch Hintergründe, die zu den möglichen Verbrechen führen, gestörte Kindheit, gestörte Familienverhältnisse, nur allzu geläufig.

Charme macht, und das scheint doch ein Charakteristikum des Autorenkinos zu sein, dass der Film versucht, die Realistik der Alltagssituation zu berücksichtigen, das Schimpfen über die vielen Baustellen beim schwungvollen Anfang – wobei nicht klar ist, warum die alle so rennen, da die Leiche, um die es geht, eine in einen Koffer gepackte zerstücktelte Frauenleiche, schon einige Tage den Gang der Verwesung gegangen sein dürfte; aber das ist durchaus ein Aufheller in so einer Serie; wie sie alle aus irgendeinem Alltag heraus an den Tatort in dubiosen Münchner Katakomben gerufen werden.

Oder wie sie später nach vielen Überstunden erschöpft rumhängen und sich Pizza genehmigen. Und die genau verfolgte Frage, wer sich um den Dackel kümmere. Und eh klar, die Grausamkeit wirkt mehr, wenn sie nicht direkt gezeigt wird, sondern in den Minen der Betrachter abzulesen oder von Fachleuten oder Nichtfachleuten geschildert wird. Aber ganz ohne sensationsheischerische (Quotenschielauge ik hör dir trapsen) Grausamkeitsansätze im Bild geht es dann doch nicht.

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