Baltimore
Wie ein Monster kickt ein Containerschiff gegen einen Pfeiler und bringt die 2,5 Kilometer lange, vierspurige „Francis Scott Key“-Brücke in wenigen Minuten zum Einsturz und durchtrennt damit eine wirtschaftliche Lebensader nicht nur von Balitmore und Maryland, sondern auch der USA. Das ist gerade gut eine Woche her.
Ähnlich geht es in den King Kong und Godzilla-Filmen zu. Monster bringen mit einem Streich Hochhäuser, Pyramiden, Kolosseen, Berge zum Einsturz. Vielleicht ist das der Kick an Realitätscheck, der diesem neuen Film von Adam Wingard nach dem Drehbuch von Terry Rossio, Simon Barrett, Jeremy Slater in den USA zu einem furiosen und von niemandem in diesem Ausmaß erwarteten Kinostart verholfen hat.
Denn Baltimore beweist, dass solche Katastrophen, wie der Film sie im Übermaß und bis zum Erbrechen zelebriert, möglich sind, real sein können und nicht nur die absurde Fantasie erhitzter Filmmenschen sind.
Der Mensch will die Katastrophen, die ihm zustoßen können, reflektieren. Film ist ein Mittel dazu, das Katastrophenfilmgenre das geeignete Gefäß. Das garantiert auch dieser Film.
Einerseits gibt es lauter Vertrautes. Eine forsche Abenteuertruppe, die sich auf einen Recherchetrip begibt, weil von der von ihr beobachteten Welt Alarmsignale kommen. Abgestandener kann eine solche Truppe nicht dargestellt werden und vollends gekillt wird sie durch die Continutiy der Kostüme, an denen nicht ein Fitzelchen Abrieb festzustellen ist.
Zentrale Figur ist die Forscherin Ilene Andres (Rebecca Hall). Sie wird begleitet vom Blogger Bernie Hayes (Brian Tyree Henry), von Trapper (Dan Stevens), dem Filmabenteurer par excellence, und von der indigenen und gleichzeitig gehörlosen Iwi (Fala Chen). Die Unterhaltung vor allem mit Ilene laufen über prima einstudierte Gebärdensprache. Und es ist absehbar, dass Iwi noch nützlich werden wird.
Als weiteres, absolut abgelutschtes Element gibt es den kleinen Kong. Zwischen ihm und dem großen Kong laufen die beliebten, Empathie weckenden Mimiken und Laute ab.
Weiteres, billig geklautes Element ist die Freeze-Technik. Dürfte kalkuliert reingenommen worden sein, weil ja Die Eiskönigin von Disney so ein Riesenerfolg war.
Ferner kriegen sich die Animationstechniker kaum ein vor lauter Kämpfen zwischen Godzilla und Kong.
Mehr als der Film beschäftigt mich allerdings die Frage, warum ein Massenpublikum bereit ist, dafür Geld auszugeben, um zwei Stunden lang, ja was denn? Abgelenkt werden von einem öden Alltag mit entabenteuerten Routinemienen rund um sich (schau mal in der U-Bahn)? Sich drastisch vor Augen führen lassen, wie Überlebenskämpfe aussehen, übertrieben und überhöht aussehen, die sie selbst auf subtilere Weise täglich zu spüren zu bekommen glauben?
Andererseits wird auch üblichster, also vertrauter, Alltag gezeigt: das Ziehen eines Zahnes von Kong (Trapper spielt Zahnfee), das Bandagieren eines gebrochenen Armes von Kong, Kong duscht sich unter einem Wasserfall, nachdem er sich mit dem grünen Blut eines zerrissenen Tieres bekleckert hat.
Oder ist es die Faszination Darwinismus gepaart mit einem Schuss Humanität? Oder gar, dass die Einsatztruppe sich als planetare Gardener aufführen?