Die Farbe Lila

„Eine neue mutige Interpretation“,

so wirbt dieses Remake des Filmes von Steven Spielberg von 1985 für sich selbst.

Was ist darunter zu verstehen?

Nach Sichtung des Filmes wissen wir es genauer. Regisseur Blitz Bazawule, der nach dem Drehbuch von Marcus Gardley, Marsha Norman und der ursprünglich schon 1985 storygebenden Alice Walker inszeniert, scheint darunter vor allem zwei Dinge zu verstehen.

Zum einen wird der Stoff als Musical aufgepeppt, immer wieder wird die Handlung unterbrochen und die Darsteller singen und der Chor tanzt dazu. Das kann in der Kirche ekstatisch passieren und nicht weniger ekstatisch auf dem Feld, wo die Gefangenen ackern und die Protagonistin sich mitten durch sie hindurch bewegt, sowieso bei Feten und in Kneipen. Das kann auch mal der Solomonolog einer Darstellerin sein.

Zum anderen hat sich Blitz Bazawule für eine maximal expressive Darstellerei entschieden mit extrovertierter Gestik und klarem Gesichtsausdruck. Und wenn Theaterdonner gebraucht wird, dann mit dem maximalen Ausschlag. Das hätte man hier bei uns früher auf dem Theater vielleicht als provinziell bezeichnet. Doch die Geschichte funktioniert.

Es ist eine afroamerikanische Familienangelegenheit, die anfangs des letzten Jahrhunderts in Georgia anfängt. Im Zentrum steht Celi (Fantasia Barrino). Sie und ihre Schwester Nettie (Ciara) wachsen bei einem brutalen Vater auf, der einen Stoff- und Nähladen betreibt. Wie die Töchter herangereift sind, will der „Mister“ (Colman Domingo) Celi heiraten. Er ist noch brutaler als ihr Vater, behandelt seine Frau wie Dreck, sie soll das Haus sauber halten und sich um die bereits vorhandenen drei Kids kümmern und das Essen kochen.

Celi gebiert dem „Mister“ zwei weitere Kinder, die er ihr wegnimmt, bevor sie das erste Mal stillen kann. Er würde sie Gott schenken, behauptet er. Sie hat keine Ahnung, was er mit den Säuglingen anstellt, ob er sie weggibt, ob er sie tötet. Solche Dinge wirken durch die expressive Machart des Filmes graffitihaft besonders grausam.

Wie Schwester Nettie vor ihrem Vater abhaut, flüchtet sie zu Celi. Der „Mister“ will auch sie sexuell benutzen. Das lässt sie sich nicht bieten. Er schmeißt sie raus. Aber da gibt es keinen Kontakt mehr zwischen den beiden Schwestern. Die Briefe, die Nettie schreibt, konfisziert alle der „Mister“.

Die Geschichte wird fast über ein halbes Jahrhundert erzählt. Es gibt Nebenstränge mit dem erwachsenen Sohn Harpo (Corey Hsawkins) von „Mister“, der ein eigenes Haus baut mit seiner resoluten, emanzipierten Frau Sofia (Danielle Brooks) und dort eine Kneipe eröffnet.

Es gibt vor allem die Geschichte der mondänen Sängerin Sugh Avery (Taraji P. Henson) aus Memphis, die ein Verhältnis mit dem „Mister“ hat, die aber Celie auch in das Leben von Memphis einführt.

Ein Schnitt in der Anfangssequenz des Filmes macht vielleicht die Regie-Intention besonders deutlich. Es gibt eine Rückblende zurück in die (schwarz/weiß gefilmte) Kindheit von Celie (Phyclica Pearl Mpasi). Sie soll von ihrer Mutter das Nähen lernen. Sie sticht sich in den Finger. Inszenierungsgemäß erzeugt das einen überdimensionierten Schrei. Der Schrei geht mit dem nächsten Schnitt über zu ihrem Schrei von ihr als Gebärender. Man könnte von einem Schmerzschnitt sprechen. Schmerzhaft ist auch die Nebengeschichte von Sofia, wie sie von der Bürgermeisterin Miss Millie (Elizabeth Marvel) als Haushaltshilfe requiriert wird.

Durch den Entscheid für die expressive Darstellung und Pointierung umschifft Blitz Bazawule geschickt die Gefahr des Abdriftens ins Sentimentalität bei gleichzeitiger Wahrung der Dichte der Story.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert