The Holdovers

Der pädagogische Eros

Was ist ein Pädagoge? Das ist eben deutlich mehr als nur Pauker, Wissensvermittler. Denn er hat – zumindest im College – eine heranwachsende Jugend vor sich, die sich womöglich an ihm hochranken will. Er muss also eine Affinität zu deren Problemen haben. So besehen ist Pädagoge eine zehrende Lebensaufgabe, verbunden mit gravierenden Verzichten. Vor klassisch geschichtlichem Hintergrund, im alten Rom, waren es Sklaven, die diesen Job ausführten.

Ein an die Nieren gehendes Porträt eines solchen Pädagogen liefert Alexander Payne (Nebraska, The Descendants – Familien und andere Angelegenheiten, Downsizing) nach dem Drehbuch von David Hemingson mit dem Protagonisten Paul. Paul Giamatti spielt diesen Lehrer an einem Internat für Kinder aus besseren Verhältnissen in der Nähe von Boston.

Auf den ersten, oberflächlichen Blick ist er der skurrile Geschichtslehrer, den keiner so richtig ernst nimmt, der aber seine Funktion erfüllt, der ernsthaft in der Welt der Antike versinkt und auch mal mit lateinischen Zitaten sich ausdrückt, sozusagen eine Ausstattungsfigur für den Pennäler-Film, eine Charge, weiter nichts.

Aber Alexander Payne hat mehr im Sinn. Er will mehr erfahren über diese Figur, die allein und offenbar nur dem Internat lebt, über dessen Privatleben nichts bekannt ist. Dafür erfindet das Drehbuch eine Zwangssituation.

Es ist Weihnachtsferien im Jahre 1970. Die meisten Lehrkräfte und Studenten fahren nach Hause. Am Schluss bleiben lediglich Lehrer Paul, Student Angus (Dominic Sessa, eine grandiose Besetzung auch er!) und noch die Köchin Mary (Da‘ Vine Joy Randolph) im altmodisch und fein ausgestatteten Gemäuer zurück.

Das sind knapp zwei Wochen, in denen die Figuren sich nicht aus dem Weg gehen können; in denen der Freiheitsdrang von Angus Entwicklungen in Gang setzt, die das billige Klischeebild vom skurrilen Lehrer erodieren lassen und berührend einen Menschen offenbaren, der auch nur von Zwängen und Pflichten geleitet ist, der ein ganz bescheidenes Leben, siehe sein Zimmer, in diesem Institut führt, und der plötzlich eine unerwartete Offenheit zeigt auf dem Coming-of-Age-Weg seines Schützlings Angus.

Alexander Payne erzählt diese Geschichte ohne Sensationslust, episch, als versenke er sich regelrecht in jene Zeit. Er hat damit vielleicht einen Film geschaffen, der nicht unbedingt sofort die Kinokassen klingeln lässt, der sich aber möglicherweise als ein Meisterwerk über Pädagogik in der Filmgeschichte etablieren wird, denn es ist auch ein grandioser Schauspielerfilm mit einem ungewöhnlichen Cast.

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