Das Erwachen der Jägerin

Der rückwärtige Horror

Es gibt den Horrorfilm mit Ankündigung. Da fährt gerne erst eine Kamera durch leere Räume und der Zuschauer kann sich geistig präparieren auf die Dinge, die da demnächst wie von Geisterhand durchsausen werden oder auf das Blut, das spritzen wird. Das ist der Horror, der auf den Zuschauer losgelassen wird.

Und es gibt diesen Film hier von Neil Burger nach dem Drehbuch von Elle und Mark L. Smith nach dem Roman von Karen Dionne. Hier meldet sich der Horror erst im Nachhinein aber nicht weniger wirkungsvoll.

So ganz geheuer ist einem sowieso nicht bei der Idylle im Wald; irgendwie wirkt es etwas zu künstlich, die Blockhütte, die Familie bestehend aus der Mutter – die hat etwas Geisterhaftes –, dem Vater Jacob (Ben Mendelsohn), der scheint als Jäger für die Familie zu sorgen und Töchterchen Helena (Brooklynn Prince) im Teenalter. Sie ist die Schülerin des Vaters, sie scheinen ein Herz und eine Seele zu sein; er führt sie ein in die Jagd; als Belohnung, ob negativ oder positiv, setzt es Tattoos am ganzen Körper.

Am Hals hat Helena bereits einen tätowierten Hirsch – oder einen Elch – der steht, das erfährt der Zuschauer erst später, für den ersten Elch, den sie geschossen hat und der aussieht wie in einer Höhlenzeichnung.

Am Ende dieses ersten Teils des Filmes stellt sich heraus – Achtung Spoiler! -, wieso die Idylle so trügerisch ist; denn die beiden Frauen scheinen die Gefangenen des naturburschenhaften Mannes zu sein. Sie nutzen das Auftauchen eines verirten Fremden zur Flucht.

Im nächsten Kapitel, das 20 Jahre später spielt, Helena wird jetzt gespielt von Daisy Ridley und hat selber eine Tochter, Marigold (Joey Carson), arbeitet in einem Call-Center und scheint glücklich verheiratet mit Stephen (Garrett Hdelund), der auch einer geregelten, bürgerlichen Tätigkeit nachgeht.

Allerdings weiß Stephen nichts von Helenas Vergangenheit, ihrem rückwärtigen Horror, wenn man so will, der ist verdrängt, vergraben, vergessen. Nicht ganz. Es bedarf eines Gefängnisausbruches und eines Polizeieinsatzes in ihrem Privathaus auf der Suche nach dem entflohenen Häftling, um ihr ihre Jugend in jener Waldgefangenschaft und die erzwungene und alternativlose Liebe zu ihrem Vater schmerzhaft als Erinnerung in die Gegenwart zu holen. Dies wird als enervierendes Trauma auf ihr lasten und ihre scheinbar friedliche Existenz erschüttern und gefährden. Zum Schaudern.

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