Der Mensch, die Natur und das Anderssein
Rousseausche Naturbilder (gedreht in den Landes), grünes Dickicht, dschungelhaft, dominieren den finalen Teil dieser süffisanten Menschheitsbetrachtung von Thomas Cailley, der mit Pauline Munier auch das Drehbuch geschrieben hat.
Dass es eine Art anthropologischer Abhandlung ist, zeigt sich im plakativen, also signalhaften Realismus, in dem sie vorgetragen wird. Kein psychologischer Realismus und schon gar kein TV-Realismus.
Es geht um Grundfragen des Menschseins, des Menschseins in der Natur, aber auch des Andersseins, innerhalb der Menschen als auch innerhalb der Natur. Fazit wäre, dass der Mensch ein perverser Fremdkörper ist.
Dass es um unnatürliche Differenzen geht, wird schnell offengelegt, so dass Spoilervorsicht nicht geboten ist. Francois Marindaze (Romain Duris) macht sich mit seinem Sohn Paul Émile (Paul Kircher) nach einem diskreten Besuch bei der Mutter im Spital auf den Weg in den Süden.
Francois, der Koch sei, will auf einem Campingplatz aushelfen und Paul soll in der Zeit dort die Schule besuchen. Bis dahin beliefert der Film den Zuschauer mit den ersten Informationen über Mutationen. Bei Mutter ist noch nicht ganz klar, wie das konkret sich äußert, sie sieht man nur von hinten und der Kopf ist unter viel Haar versteckt; da kann der Zuschauer schon mal sein Hirn in Gang setzen.
Detaillierter wird die Info bei einer wunderschönen Stauszene auf der Autobahn. In einem Ambulanzwagen scheint es eine physische Auseinandersetzung zu geben, bis Glas splittert und eine Mutation hinausgeschleudert wird, das ist ein Patient, der an der Stelle eines Armes einen Flügel, Adlerflügel vielleicht, hat und dem es ein Leichtes scheint, zwei Männer zu überwältigen.
Die Mutation entkommt. Es dürfte sich um den späteren Fix (Tom Mercier) handeln, der noch zum wichtigen Coming-of-Age- und ebenso Mutationsbegleiter von Émile wird; eine eigene reizvolle Waldgeschichte, denn Fixens Mutation ist lange noch nicht zu Ende, der Traum vom Fliegen spielt mit.
Es wurde schon angedeutet, Émile selbst ist von der Mutation betroffen, die zeigt sich aber erst in Anfängen. In seinem Umgang damit, sie zu verstecken, wird er zum Symbol für menschliches Anpassungsverhalten; er möchte nicht anders erscheinen. Vielleicht auch als Symbol für den Umgang des Menschen mit seinem Anspruch, makellos zu sein, fehlerlos, tadellos schön zu sein.
Diese sich abzeichnende Umwandlung ist so perfekt inszeniert und gespielt, dass einem als Zuschauer am ganzen Körper zu jucken beginnt.
Als Beispiel einer makellosen Polizistin wird Julia Izquierdo (Adèle Exarchopoulos) eingeführt. Sie wird zur Spezialbetreuerin der Marindazes, die immer noch ihre Mutter suchen, die bei einem Unfall mit einem Bestientransport möglicherweise überlebt hat und wie sie hoffen, in die Wälder entkommen ist.
Wie die beiden Männer versuchen, die Mutter mit nicht gewaschenen Klamotten anzulocken, ist ein Detail für sich im mehrfach angesprochenen Hygienkontext, waschen oder nicht waschen, fein riechen, während andere von stinken reden.
Plotmäßig läuft diese feine, fröhliche Wissenschaft vom Menschen auf die Feier des Johannestages hinaus, eine Wissenschaft, die augenfällig an Kafkas Verwandlung erinnert, aber nicht hochliterarisch, sondern bildhaft knallig behauptend ist, immer in der Nähe der Scherzebene („wir reden hier gaskognisch“); und trotzdem ernsthaft zivilisationskritisch.