Anatomie eines Falles

Genialer Kern

Die zentrale Auseinandersetzung in diesem neuen Film von Justine Triet (die mit Sibyl – Therapie zwecklos schon tief in die Abgründe von Künstlerseelen hineinleuchtete) und die mit Arthur Harari auch das Drehbuch geschrieben hat, ist die schonungslos beinah vivisektiererische Analyse des Verhältnisses zwischen der Autorin Sandra Voyter (Sandra Hüller) und ihrem Partner Samuel Maleski (Samuel Theis), ebenfalls Autor.

Sandra hat ihre Heimat, ein deutsches Kaff, aufgegeben und ist zu Samuel nach London gezogen. Und wie er in eine Krise kam, sind sie beide mit ihrem seit einem Unfall sehgeschwächten Sohn Daniel (Milo Machado Graner), 11, in die filmförderfreundliche französische Region Auvergne-Rhône-Alpes gezogen, wo sie sich in einem wunderschönen, mehrstöckigen Chalet gegenseitig auf den Wecker gehen.

Er nervt sie mit lauter Musik, wenn er ungestört sein will. Er hat eine Schreibblockade, er wirft ihr vor, sie hätte einen Plot von ihm geklaut, sie würde ihn mit Frauen betrügen und vor allem quälen ihn Schuldgefühle wegen dem Unfall des Buben, die Sandra noch nährt.

Dies und vieles mehr werfen sich die beiden in dem extrem starken Zentralstück des Filmes vor und werfen dabei die Frage auf, wie weit zwei starke Künstlernaturen überhaupt miteinander können. Es ist eine atemberaubende Streit- und Dialogszene, wie es zu Handgreiflichkeiten kommt, geht die Szene in den Hörspielmodus über.

Es ist die Szene, wofür der Film höchst gelobt zu werden verdient. So oft blickt das Kino und so präzise nicht in solche Abgründe. Allerdings, und das ist wirklich schade, kommt dieses cinéastische Filetstück leider recht schummrig verpackt daher. Als ob so ein Paaraufschluss nicht abendfüllend genug sein könnte.

Die Filmemacherin erfindet darum herum und als Anlass, die Geschichte zu erzählen, eine Kriminalstory, die im Justizpalast ihre ganze Breite findet; hier wird auch die Kernszene eingespielt.

Es scheint, als ob das eine fixe Erzählidee der zwei Autoren gewesen sei, von der sie nicht mehr ablassen konnten und die sie dann auf Biegen und Brechen stemmen mussten, auch wenn sie, wie es scheint, auf fremdem Boden wildern.

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