Künstlerwelten
Es gibt die Künstlerwelt des Filmemachers Wim Wenders. Diese ist filmisch kongeniale Symbiosen eingegangen mit Pina Bausch in Dancing Pina oder mit dem Fotografen Sebastia Salgado in Salz der Erde. Filmkünstler und Tanzkünstler, Filmkünstler und Fotograf; in diesen Filmen ist eins und eins mehr als zwei.
Jetzt versucht sich Wim Wenders am Maler und Bildhauer Anselm Kiefer und wieder in 3D wie schon bei Dancing Pina. Kann das funktionieren? Oder stoßen hier womöglich zwei Künstlerwelten aufeinander, die nicht kompatibel sind?
Dass sie möglicherweise inkompatibel sind, scheint Wim Wenders zu schwanen, vielleicht deshalb greift er zum Mittel des Reenactments, was er bei den erwähnten Künstlerfilmen nicht nötig hatte.
Hier lässt er Söhne Väter spielen. Anton Wenders, vermutlich der Sohn des Filmemachers, verkörpert den Buben Anselm und Daniel Kiefer, vermutlich der Sohn des Porträtierten, den Künstler als einen jungen Mann.
Der Bub liest Paul Celan oder geht durch Räume des erfolgreichen Kiefer, der junge Mann performt Interviews oder fährt mit einem knallorangen VW Käfer und mit ungeschützt verpackten Bildern aus dem Atelier im Odenwald zum Aufbau einer seiner ersten Ausstellungen nach Köln – die Drohnenaufnahme belegt das Reenactment.
Wenders hat immer Stil und guten Geschmack, eine gewisse Elegance der Kunst gehabt, alles Begriffe, die man so auf Kiefer nicht unbedingt anwenden würde. Sein lautester Ton ist immer direkt politisch im Hinblick auf die deutsche Geschichte, so wie ein Wenders es nie wäre.
Kiefer zeigt ein Buch mit Zeichnungen von Heideggers Gehirn, wie es zerfressen wird von giftigen Pilzen. Wenders schneidet in seinen Film Originalaufnahmen von Heidegger, Celan, Ingeborg Bachmann. Die Deutschen und die Nazis, das scheint das durchgehende Grundelement in Kiefers Werk, anfänglich noch eindeutig identifizierbar, indem er sich selbst mit Hitlergruss vor deutsche Gebäude und in deutsche Landschaften stellt.
Später eher noch als Struktur, als Abgebranntes, als Ruinenwelt, über die Gras wachsen wird, als Brautmodenwelt mit Versemmeltem an Kopfesstelle oder als Bücherverbrennung.
Eindrücklich sind die gigantischen Werkshallen des Künstlers, die ausgehend vom Odenwald bis nach Frankreich, seinem heutigen Lebensmittelpunkt, immer gigantischer werden. Man würde gerne etwas über die ökonomische Seite eines solchen Unternehmens erfahren.
Ein weiteres Indiz für die Inkompatibilität der beiden Welten scheinen mir die Tonspurstellen zu sein, die massiv mit Hochkulturmusik aufgemotzt werden, was einer Art Heiligsprechung der Bilderwelt Kiefers gleichkommt, die diese nicht verträgt oder auch der Blick ins Fotoalbum von der Kindheit, das erinnert arg an sentimentalisches TV.
Unklar bleibt, ob 3D in diesem Falle wirklich hilfreich ist oder mehr eine vom Politischen ablenkende Spielerei, gar einer Verniedlichung der riesigen Hallen gleichkommt. Über Kiefer ist an dieser Stelle schon besprochen worden der Film Over Your Cities Gras will grow.