Zufriedenheit
Was ist Zufriedenheit? Nach Meinung der bayerisch-persischen Berlinerin oder der berliner-persischen Bayerin Ina Gruber die Beurteilung eines erwachsenen Menschen der Spanne zwischen seiner Herkunft und seiner Gegenwart. So besehen ist sie der Modellfall eines zufriedenen Menschen und damit wohl auch Bürgers; denn die Fallhöhe ist krass.
Das macht diese Lebenslinien von Verena Wagner unter redaktioneller Betreuung von Rachel Roudyani so aufregend. Ina Gruber wurde in Berlin in aussichtslose soziale Verhältnisse hineingeboren, ihr Vater Iraner, die Mutter arbeitet nebenher als Animierdame, jede Menge Kinder, auch von anderen Vätern, überfordern die mammahafte Mutter total.
Ina rebelliert instinktiv gegen diese Verhältnisse, wird dadurch verhaltensauffällig, gilt als Systemsprengerin, ist in keinen sozialen Kontext einzubauen, lernt bis dreizehn oder vierzehn kaum eine Schule von innen kennen.
Aber Ina hat Glück, indem sie durch das Eingreifen der Ämter, die zusehends auf die desolaten familiären Umstände mit Gewalt gegen die Kinder und Nahrungsmangel auffallen, aufmerksam werden.
Man kann nicht immer über die Ämter nur schimpfen. In diesem Fall taten sie wohl einen idealen Griff, indem sie das Mädchen zu einer Pflegefamilie im bayerischen Wald verfrachteten mit zweijährigem Kontaktverbot zur leiblichen Familie. Hier wurde ihr Verhalten richtig analysiert, nicht als Charakterschwäche, sondern verstanden als Rebellion gegen katastrophale Verhältnisse.
Hier wurde Ina Struktur geboten, hier gab es nichts zu zerstören, Holz sägen gehörte zum Programm, späte Einschulung und schließlich Ausbildung zur Erzieherin, Aufbau des Jugendtreffes Bodenmais. Leitung des Jugendtreffs Zwiesel. Gründung einer eigenen Familie. Eine chaotische Vergangenheit, die auf geordnete Verhältnisse hinausläuft mit intimstem Verständnis für das Aggressionspotential von Jugend.